Gratwanderung

Es war meine erste Bergwanderung, die ich mit 23 Jahren allein unternahm. Vom Eisenerzer Geburtshaus August Musgers, des Erfinders der Zeitlupe, der verlangsamten Zeit, ging ich in die Berge, um die Ruhe und die Langsamkeit zu genießen. Ich wollte das Hochschwabgebirge von West nach Ost überqueren. Ein Schild in der Frauenmauerhöhle warnte: Eine dreißigköpfige Gruppe war in diese Höhle gegangen und nie wieder gesehen worden. Also ging ich nicht hindurch, sondern über den steilen Kamm, und dabei ging mir die Luft aus.

Das Wetter war prächtig. Ein herrlicher Spätsommer. Die Stille, die Ruhe, die gute Luft. Abseits der Großstadt. Hoch über dem hektischen Treiben der Zivilisation. Die Menschheit war hinter den Mauern ihrer Sicherheit ängstlich und manipulierbar geworden, hatte vieler ihrer Freiheiten verloren. Nur in den Bergen fühlte ich mich noch frei. Hier, auf den lichten Höhen unseres blauen Planeten, konnte ich gut nachdenken, reflektieren und philosophieren.

Über die Sonnschienalm wanderte ich zum Sackwiesensee und nahm ein kühles Bad im eisblauen Wasser. Hinter dem See schlug ich das Zelt auf. Am Morgen führte mich der Weg, vorbei an mächtigen Felsen und weiten Almen, zur Hirschgrube, den Hundsböden und auf schmalem Pfad zum Rauchtalsattel. Zuletzt kam der im Schnee liegende Gipfel in Sicht, der Hochschwab. Recht langsam ging ich hinauf, drehte oben um und schlenderte hinunter.

Diese Nacht schlief ich im Schiestlhaus, das eine Renovierung nötig hatte. Nach dem Frühstück ging es weiter Richtung Voitsthaler Hütte. Meine Gedanken schweiften zu meinen Alltagsproblemen unten in den Niederungen, aber nur kurz, dann verblies sie der Wind. Beim Abstieg lief ich gern ein Stück über die Wiesen, Hänge und Geröllhalden, ein übermütiges Bergablaufen, eine Art Trance. Ich erinnerte mich der tibetischen Lungomläufer, die innerhalb eines Tages alle heiligen Orte West-Tibets aufsuchten, indem sie über Schneefelder und Abgründe sprangen.

An einer schmalen Stelle des Pfades, einen Abgrund zur Linken, lief ich soeben fröhlich dahin, als eine Kurve enger und enger wurde und ich das Abbremsen nicht mehr schaffte, weil der schwere Daunenschlafsack, der auf den Rucksack geschnallt war, über den Kopf nach vorne rutschte. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel. Ich krallte mich an Grasbüscheln fest, rutschte ein Stück und fand Halt.

Um ein Haar wäre ich abgestürzt. Eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Ein Blick in die schaurige Tiefe, und ich robbte nach oben. Stellte mich auf die Beine. Den Rest des Tages ging ich bedächtig, sehr nachdenklich, sehr verlangsamt und etwas zittrig meines Weges.

An der Voithsthaler Hütte vorbei, marschierte ich auf Aflenz zu. Ich hielt einen VW-Käfer mit Wiener Kennzeichen an. Ein alter Richter steuerte ihn und nahm mich mit in die Großstadt, in den Lärm, dorthin, wo ich irgendwie nicht hin wollte. Der Richter war Hirsche jagen gewesen. Dass gerade Schonzeit war, störte ihn nicht.

© Hannes Stuber