Hildegard guter Dinge

Hildegard war im Jahr nach ihrer Hochzeit hoch schwanger, als Sepp, ihr Ehemann wegen Verführung einer Minderjährigen ins Gefängnis geworfen wurde. Die Schande im kleinen Weinviertler Dorf in den 50-er Jahren war unermesslich. Sepp saß auch noch hinter Gittern, als ich, sein erster Sohn zur Welt kam. Hildegard musste allein mit der Straßenbahn vom Wiener Praterstern, wo sie bei ihrer Tante Unterkunft gefunden hatte, zur Semmelweiss-Klinik und zur Geburt fahren. Sie war aber nicht beweglich genug, um flott in die Tram einzusteigen. Die Fünfer-Bim schloss die Türen und klemmte den großen Bauch ein, mit mir da drin als Embryo. Passanten halfen Hildegard, indem sie die Türen aufzogen. Ich hatte den ersten Anschlag auf mein Leben heil überstanden.

Und kam per Kaiserschnitt und Vollnarkose. Hildegard hatte im Kriege wegen Vitaminmangels Rachitis bekommen und ein zu enges Becken für eine normale Geburt. Es folgten jeweils im Abstand von anderthalb Jahren zwei weitere Kinder, mit Kaiserschnitt, immer auf derselben Narbe. Nun stand das Sexualleben meiner Eltern auf der Kippe. Sepp konnte mit Kondomen nicht umgehen. Hildegard durfte kein Kind mehr bekommen. Psychologische Beratung existierte nicht. Die Pille gab es nicht. Sepp suchte sein Vergnügen bei anderen Frauen des Dorfes und später in Wien. Hildegard hatte beide Hände voll zu tun mit den drei kleinen Bengeln. Die Eltern trennten sich im Unfrieden.

Geld war nie genug da. Sepp zahlte keine Alimente. Wir vier hatten insgesamt 90 Euro pro Monat Kinderbeihilfe. Hildegard ging um Brot betteln zu den Nachbarn. Fleisch hatten wir, da der Großvater jeden Herbst ein halbes Schwein spendete. Als Kleidung trugen wir die abgetragenen Stücke älterer Buben aus dem Dorf.

Trotz allem war Hildegard die meiste Zeit guter Dinge, sie hatte ein fröhliches Wesen, lachte gerne und ging ins Dorf, um Hochzeitszügen zuzuschauen. Das liebte sie, da gab es auch viel Tratsch. Und manchmal spielte sie uns auf der Zither was vor und sang ein Liedchen dazu. Sicher war es sehr schwer für sie, drei wachsenden Kindern die Mägen zu füllen, sie in die Schule zu schicken, den Haushalt zu führen. Der Kleinste war drei Jahre bei der Trennung. Erst nach fünf Jahren, als er Acht war und allein in die Dorfschule marschierte, konnte sie sich nach einem Job umsehen. Sie trat eine Stelle in einer Firma an, die Telefonapparate herstellte, musste um halb Sechs das Haus verlassen. Ehe sie ging, weckte sie mich. Ich war Zwölf, weckte die zwei anderen und machte sie reisefertig für die Schule.

Hildegard hatte den ganzen Tag eine Maschine zu bedienen, am Fließband, stupide Akkordarbeit, Spulen mit haarfeinem Draht aufzuwickeln, der einem oft die Finger verletzte. In der ersten Zeit weinte sie, wenn sie abends die Fehler, die ihr unterlaufen waren, zu Hause korrigieren musste, um denselben Lohn wie immer zu erhalten. Sie wickelte die Spulen bis zu jener Stelle auf, wo der Fehler entstanden war, und meistens half ich ihr dabei.

© Hannes Stuber