Istanbul Blues

Das Morgenkikeriki des Muezzins war nicht zu überhören. Fünfmal täglich schrie ein Türke sein Gebet aus Leibeskräften über die Lautsprecher in die Gefängnishöfe hinein. Die Verbrecher sollten wissen, wo Allah wohnte.

Der Amerikaner George spielte auf einer alten scheppernden Gitarre oft ein bestimmtes Lied: seinen Istanbul Blues. Er handelte von einem jungen Leben, verloren, weggeworfen im Knast, wegen ein paar Kilo Haschisch. George saß dort an die Mauer gelehnt, wo die Sonne in den Betonhof schien. In Adena war er bei der Flucht erwischt worden. Man ihn hierher, in ein besser kontrolliertes Gefängnis versetzt.

Mich hatte man auf 30 Jahre Haft angeklagt, nachdem mir mein LSD gestohlen, zur Polizei gebracht und ich verhaftet worden war. Lebenslang hinter Gittern, mit Zwanzig, obwohl noch kein Gesetz zu LSD existierte! Das Lebenslang hatten viele der jungen Männer hier, und kaum einer war 30 Jahre alt. Etwa Hans aus Holland, der schon acht Jahre saß, mit einem halben Kilo Haschisch an der Grenze geschnappt, abgemagert, klapprig, nervös, die Zähne schwarz. Er hatte sich nur einen Vorrat mit nach Hause nehmen wollten. Billy aus New York, mit zwei Kilo Hasch im Gipsbein. Er schrieb an seinem Buch, das er "Midnight Express" nannte, nach seinem Code-Wort für die Flucht. Anis aus dem Libanon, wegen Hanf. Muto, der Malaysier, mit einem halben Kilo. Er buk Kuchen im Knast. Schükrü aus Syrien. Auch George hatte 30 Jahre Haft. Und weitere Leute. Ich sollte mir nur keine Illusionen machen, meinten sie.

Manchmal setzte ich mich zu George an die Mauer, während er in die Saiten schlug und an seinem "Istanbul Blues" feilte. Über der Stirn besaß der Ami eine weiße Haarsträhne im ansonsten braunen Haar. Diesen weißen Fleck hatte er im Schock bekommen, als man seinen Freund während der Flucht in Adena neben ihm von der Dachrinne schoss. Der Freund starb, während George sich ein Bein brach. Er erzählte wilde Geschichten aus Afghanistan, wo er ebenfalls aus einem Gefängnis ausgebrochen war. Er würde sich auch von den Türken nicht aufhalten lassen, sagte er zu mir.

Eines Tages kamen ein Offizier und drei Soldaten in unsere Zelle, in der rund 50 Häftlinge lebten. Sie sprachen mit Neschdett, unserem syrischen Chef und gingen zum Bett von George. Sie schlugen ihm ins Gesicht und führten ihn ab. Neshdett erzählte uns tags darauf, was geschehen war. Jugendliche der gegenüberliegenden Großraumzelle, mit denen wir den Innenhof teilten, hatten George gesehen, wie er nachts an den Gitterstäben sägte, und ihn verraten. An seiner weißen Haarsträhne wurde er erkannt. Im Keller bekam er die Bastonade. Angeblich wurden ihm die Hoden zerquetscht und der Kiefer zertrümmert, weil er den Namen seines Kameraden nicht verraten wollte, der in der Nacht zuvor beim Sägen beobachtet worden war - und der keine weiße Haarsträhne hatte. Ich wusste, dass es sich um Billy handelte, der mit George flüchten wollte. Wir sahen George nicht mehr und hörten auch nie wieder von ihm.

© Hannes Stuber