Johnnys Garten

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Johnnys Garten | story.one

Von der Firma Lebinger hatte ich einen Kastenwagen gemietet. Mit Freunden zerlegte ich alle Kästen und Regale in meiner Wiener Wohnung. Wir trugen die Möbel vom zweiten Stock hinunter, und ich fuhr den voll beladenen schwankenden Bus hinaus aufs Land und lud schwitzend allein alles aus. Es war kalt, weil bereits November.

Genug vom Stadtleben hatte ich nach den drei Jahrzehnten in Wien. Aufgewachsen in der Provinz und mit Achtzehn in die Großstadt gezogen, zog es mich jetzt wieder hinaus in die grüne Natur. Ich bewohnte ein Haus in einem Kuhdorf, wo nichts los war, wo sich Fuchs und Hase Gute-Nacht sagten. Johnnys Garten, so nannte ich den Flecken Erde. Ein altes Haus, ein Pferdestall ohne Pferd, ein Tipi aus Holz, eine Scheune, ein Teich, das war's. Endlich gab es einen Ruhepol, an dem ich ich sein konnte, wo ich vor dem melancholischen Stadt-Blues sicher war. Der Teich besaß eine kleine Insel, und wenn mir alles zuviel wurde, ich also reif für die Insel war - dann gab es ja diese. Brücke hinüber existierte keine.

Der Umzug im Winter war nicht klug gewesen. Am Morgen erwachte ich schweißgebadet, mit fürchterlichen Kopf- und Magenschmerzen. Ich brachte das gestrige Abendessen hervor und rief einen Bekannten an, der einen Arzt holte. Dieser verpasste mir eine Spritze und verschrieb drei Medikamente. Am Abend ging es mir schon besser.

Es herrschte mildes Wetter. Entspannte Lesetage auf der Terrasse in der Sonne - mitten im Dezember! Aug in Aug mit einem Fuchs, dessen halber Rücken kein Fell hatte: verletzt, räudig? Er schien hinter dem Holzstoß im Schuppen zu wohnen, hatte sich wohl dorthin geflüchtet. Ich mochte ihn nicht vertreiben. Und im Hof schlief eingerollt eine fremde schwarze Katze in der Sonne und ließ sich dabei nicht stören, wenn ich an ihr vorbei ging. Mich störte sie auch nicht.

Landleben. Endlich. Es erfasste mich ein großes Wohlgefühl. Ich turnte mit der jaulenden Motorsäge auf den alten Apfelbäumen herum, um sie auszuschneiden. Ich beobachtete die Wolken, die sich auflösten, wenn ich es wollte. Das machte ich jedoch nur mit kleinen Wolken. Dann fiel der erste Schnee. Die Arbeiter erschienen, um die Betonierung des Estrichs in der Bibliothek zu besprechen. Jetzt, wo sich der Winter einstellte, wollten sie bei mir zu arbeiten beginnen. Seit drei Monaten wartete ich auf sie. Als Zugereister war man immer der Letzte im Dorf. Die Arbeiter verputzten auch noch die Wände der Bibliothek. Sie sprachen davon, dass Saddam Hussein gefangen genommen worden war. Ich hatte keine Ahnung, keinen Fernsehapparat, kein Telefon, kein Radio und keine Zeitungen. Von der Welt und ihren chronischen Grausamkeiten war ich eigentlich ganz gut abgeschottet.

Sylvester feierte ich im Haus meines Philosophiefreundes Wolfgang in Oyenhausen, wo wir eifrig schottischem und irischem Whiskey zusprachen. Um vier Uhr krachte ich mit eindeutigem Drall in die Waagrechte.

„Tullamore Dew: Das war zuviel!“ lallte ich. "Ich bin reif für die Insel!"

© Hannes Stuber