Hängen geblieben in Beziers

Meine violette Renault Estafette rollte über die uralte Steinbrücke von Balazuc. Ich hielt an. Ein atemberaubender Ausblick in die Tiefe, schäumendes Wasser zwischen hohen roten Felswänden - das war der kleine Grand Canyon von Europa, diese Schlucht im Ardêche. In den verwinkelten Weingärten von Balazuc suchte ich das Steinhaus meiner Freunde, aber keiner war zuhause. So fuhr ich nach Albi. Die ziegelrote, alles überragende Kathedrale war von Weitem schon sichtbar. Ihr Inneres bot sich überraschend hell und freundlich dar. Die gewaltige Höhe des Raumes hinterließ eine Ahnung von Erhabenheit. Das Lautrec-Museum hatte bedauerlicherweise Ruhetag.

Strömender Regen peitschte meinen Bus, als ich Albi verließ. Der Mistral ließ die kleine Estafette auf der Landstraße erzittern. Große gelbrote Blätter wirkten lebendig, wenn sie wie Frösche über den Asphalt hüpften. Gegen Mitternacht bog ich wenige Meter vor der Ortstafel von Beziers ab, um einen ruhigen Rastplatz zu suchen, und landete in einer Sackgasse. Beim Zurücksetzen übersah ich einen französischen Bordstein. Der Bus rumpelte drüber und saß prompt mit der Achse auf. Ein Rad schwebte in der Luft und drehte sich noch fröhlich, als ich ausstieg und den Schaden betrachtete. Neben dem Randstein klaffte ein Graben, den ich in der Dunkelheit nicht gesehen hatte. Nun saß ich fest, per definitionem. Ohne Hilfe war es unmöglich, von hier wegzukommen. Ich konnte nichts mehr tun und putzte mir die Zähne und legte mich ins Bett. Als ich schon im Einschlafen begriffen war, hörte ich, wie draußen ein Auto hielt.

Stimmen. Jemand leuchtete in meinen Bus. Bewegliche Lichtkegel blendeten mich. Ich sah nichts, kroch aus dem Bett und aus dem Fahrzeug und stand in Unterhosen vor vier Polizisten, die mich rundum mit ihren Taschenlampen beleuchteten.

„Votre papiers, s'il vous plaît!“, sagte einer.

Ich gab ihm den Pass und die Autopapiere.

„Un autrichien“, sagte der Mann zu den anderen, die nichts sagten und sich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen. Ich ahnte, woran die Franzosen dachten: Österreich, das Land, aus dem Hitler stammte: des boches aussi. Dieses Alpenvolk war - trotz Mozart, Freud, Klimt und Strauss - der Grande Nation einfach suspekt, jedenfalls seit der Zeit, als ihr König eine gewisse Marie Antoinette geheiratet hatte. Und zur Zeit sprachen sie auch noch mit Arafat.

Der Polizist setzte sich in den Streifenwagen, klappte aus dem Handschuhfach einen Computer heraus, tippte meine Daten ein. Die anderen standen herum und warteten auf das Ergebnis. Der Polizist stieg wieder aus, nickte seinen Kollegen zu und händigte mir die Papiere aus. Er bedankte sich. Die vier Gendarmen besprachen sich kurz, dann hievten sie in einer entschlossenen gemeinsamen Hau-Ruck-Aktion den kleinen Bus über die Gehsteigkante, sodass alle Räder wieder festen Boden unter sich hatten, und verabschiedeten sich höflich. Einer der Uniformierten riet mir noch, diese Nacht nicht mehr weiterzufahren.

© Hannes Stuber