Making Of: Der Speerwerfer

Im schönen Mai begann ich, auf der Schreibmaschine an einem Roman zu tippen. Der erste Entwurf umfasste fünf Seiten. Der Arbeitstitel war: Der Speerwerfer.

Der Protagonist träumte, er arbeite als Statist in der Oper. Alles, was er zu tun hatte, war, an einer bestimmten Stelle des Stückes einen Speer von hinten, über die Köpfe der Zuschauer hinweg, auf die Bühne zu werfen, wo er in der künstlichen Wiese stecken blieb. Diesen Traum hatte der Mann, nachdem er zufällig in den Besitz der Heiligen Lanze gekommen war, die von Palästinensern aus der Wiener Schatzkammer gestohlen wurde - jener Speer, der angeblich Jesu Seite durchbohrt hatte. Es hiess, dass der Speer zum Heiligen Gral gebracht werden müsse, damit Frieden auf der Welt herrschte. Also suchte der Held jenen Platz vor der Burg, auf den er den Speer geworfen hatte - auf der Suche nach seinem Traum, der Wirklichkeit werden sollte.

Wolfram von Eschenbach bezeichnete die Templer als Hüter des Grals. Um nach historische Spuren zu suchen, fuhr der Protagonist an Orte des ehemaligen Templerordens: Troyes, Chartres, Chinon, Laon, Coimbra, Tomar. In Asturien traf er auf die Nachkommen der Familie Jesu, wo er den Speer ablieferte, damit dieser mit dem Gral vereint wurde und solchermaßen die Geißel Krieg aus der Welt verschwand – wie prophezeit worden war.

Im Oktober fuhr ich nach Troyes, Chartres, Chinon, Coimbra, Tomar, um Impressionen zu sammeln. Als moderner Parzival trug ich Bauernstiefel, eine Flickenhose und eine bunte Jacke. So mancher Tankwart sah mich zweifelnd an und überlegte, ob ich wohl zahlungsfähig wäre.

Drei Jahre später, als Chiara, meine zweite Tochter geboren wurde, umfasste der Roman erst 250 Seiten. Ich kam nicht recht voran. Das Beschreiben der Gewaltszenen bereitete mir Schwierigkeiten. Ein paar Morde hatte ich skizziert, aber mir graute vor den Details. Überspringen konnte ich sie nicht, das störte den Fluss. So verschob ich diese mordsmäßigen Kleinarbeiten auf später und führte derweil Chiara im Kinderwagen spazieren, später auf den Kinderspielplatz, dann in den Kindergarten, in die Volksschule.

Chiara wuchs quasi mit dem "Speerwerfer" auf und sah mich über die Jahre immer wieder am Text tippen. Sie kannte den Plot. Als sie ins Gymnasium kam, erschien Dan Browns Buch "Da-Vinci-Code". Im Grund ging es darin nicht um viel anderes als in meiner Geschichte: den Gral, einen Geheimorden, die Verbindung zwischen Jesus und Magdalena samt Nachkommen, ein paar Morde. Ich hatte sogar eine handfeste Liebesgeschichte drin, damit war meine Story lebendiger als Browns blutleeres drehbuchartiges Machwerk.

Eine Weile dokterte ich noch an der Story herum, doch irgendwie war ihr die Einzigartigkeit genommen. Die Sache war für mich gelaufen. Nach 15 Jahren hatte ich keine Lust mehr auf den "Speerwerfer". Das Problem war, dass ich mich nicht überwinden konnte, Leute zu ermorden. Der Text verschwand in der Schublade. Manchmal noch fragte mich Chiara danach.

© Hannes Stuber