Skandinavischer Sommer

Vom Wiener Westbahnhof fuhren wir mit dem Nachtzug ab. Ich war fast zwanzig Jahre alt. Mit fünf gleichaltrigen Freunden machte ich mich auf den Weg nach Norden. Wir hatten Interrail-Tickets für einen Monat Zugreisen quer durch Europa. Über Hamburg ratterten wir nach Dänemark.

In Kopenhagen hockten hunderte Hippies im zerstörten Christiania und waren hauptsächlich ratlos, was nun zu geschehen hätte. In einer großen Halle der Stadt trat der indische Guru Maharaji auf wie ein Rockstar. Zum Spaß schauten wir uns den Zirkus mit den tausenden Gläubigen an. Der junge dicke Inder ließ etwa drei Stunden auf sich warten, und als er endlich auf die Bühne kam, gingen wir.

Im Osten Finnlands, an der russischen Grenze, landeten wir in einem kleinen Ort mit Campingplatz und großem See. Lagerfeuer, Bratkartoffeln, auf dem See herumrudern, mit der Seele baumeln. Im einzigen Cafe, in dem wir täglich frühstückten, stand eine Musik-Box, und das einzige Lied, das nicht auf Finnisch gesungen wurde, war von den Rolling Stones: "You can’t always get what you want." Also spielten wir das Stück rauf und runter, bis die Finnen sauer wurden.

Nach einigen Tagen verließ ich die Freunde und fuhr nach Pori, eine Halbinsel, auf der ein Jazzfestival stattfand. Chuck Mangione und Band hinterließen großen Eindruck, ebenso die bärtigen Wikinger und die blondgezopften Maiden in ihren historischen Trachten. Meine Fototasche samt Nikon und Schecks ließ ich auf der Säule einer belebten Fußgängerbrücke in Helsinki stehen und fand sie eine Stunde später dort unversehrt wieder - nachdem ich bei der Polizei bereits eine Verlustanzeige erstattet hatte.

Weiter nach Schweden und Norwegen. Im Osloer Museum bewunderte ich Rodins Skulptur von den Liebenden. An einem kalten Morgen strandete ich vor dem Bahnhof auf den Stufen unter fröstelnden Obdachlosen, Menschen in schmutzigen Mänteln. Die Leber gebläht von Alkohol, warteten die Ausgestoßenen der Gesellschaft auf das Öffnen des Tores. Die Kälte der Nacht kroch mir in die Knochen. Wie alle war ich heilfroh, als das Tor aufgesperrt wurde. Rein in den nächsten Zug, ab nach Norden.

Unaufhaltsam regnete es in Bergen. Lustig bemalte Straßenbahnen fuhren durch Trondheim. Ein Großvater saß mit seinem Enkel am Straßenrand, sie schleckten genüsslich Eis. Endlose Züge und die Ausläufer Lapplands. Am Polarkreis lagen Reste von Schnee auf den sanften Bergen. Die Verlassenheit der Wälder im Licht der Mittsommernacht machte mich schweigsam.

Narvik war das letzte Ziel, das ich anpeilte. Danach hieß es, wieder heimzufahren. Der Monat war bald um. Wollte ich nicht aufzahlen, musste ich pünktlich in Wien sein. Als letzte Aktion bestieg ich den Hausberg Narviks, von wo ich eine Traumaussicht hatte. Kaum war ich schwitzend oben, setzten mir die Moskitos fürchterlich zu. Sie hingen wie eine schwarze Riesentraube knapp über meinem Kopf und verfolgten mich unerbittlich, während ich fluchend diesen Gelsenberg hinunter rannte.

© Hannes Stuber