Nobelpreis für Bob Dylan

  • 229
Nobelpreis für Bob Dylan | story.one

Zeitzeugen wissen meistens, wo sie waren, als etwas Außergewöhnliches passierte. Ich weiß, wo ich war, als ich erfuhr, dass Präsident John F. Kennedy ermordet wurde oder John Lennon oder Prinzessin Diana. Jeder weiß, wo er war, als er vom Attentat auf das World Trade Center erfuhr. Ich weiß auch noch, wo ich war, als Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur erhielt. Ich befand mich im Gefängnis und hatte Besuch.

An jenem Tag war meiner Frau erst der zweite offene Besuch gestattet. Zwei Monate lang hatte uns eine Glasscheibe getrennt, saß ein Mithörer daneben. Jetzt durften wir Händchen halten und weinten ein wenig. Ich saß in einem Grazer Gefängnis, weil ich einige Pflanzen angebaut hatte ... von Hanf. Solange Pflanzen illegal waren, existiert Freiheit nicht.

In einem seiner Lieder singt Bob Dylan: "Everybody must get stoned". Das ist seine Meinung zur Entspannung mittels Hanf. Der Nobelpreis war ein später Triumph für alle Fans Dylans, aber auch für die Jugendlichen der 60-er und 70-er Jahre, obschon diese nun alt waren. Lange hatte es gedauert, bis die Subkultur, durch Dylan, nun ganz oben angekommen war. Die meisten Künstler rauchten damals Hanf, sowie die halbe Jugend. Sie traten gegen den Krieg ein, wollten die Welt zu einem Ort machen, an dem man glücklich sein durfte. Aber: peace and love? Davon wollte man nichts wissen: Kriege und Hass bringen schließlich mehr Geld ein! Die jungen Leute stellten sich der Herzlosigkeit in der Gesellschaft entgegen, mit Blumen, Liedern und Hanfblüten. Daraufhin verfolgte man sie und sperrte sie wegen ihrer Pflanzen und Protestmärsche in Gefängnisse: zu Mördern, Räubern, Vergewaltigern, Dieben, Betrügern.

Und tut das noch immer!

Minuten wurden zu Stunden. Stunden waren bleierne Ewigkeiten. Auf dem Bett oder dem Stuhl hocken. Warten auf Godot, 23 Stunden am Tag. Eine Stunde Kreisgang zum Schwindlig-Werden. Verlorene Monate im Grazer Knast. Ich hatte keinen Fernsehapparat zur Ablenkung, nur ein paar Bücher, Handke und so. Das Gehirn raste. Die Beine wippten. Die Seele zerrte an allen Enden des Körpers. Es hieß, Abschied zu nehmen von allem, was die Welt und das Leben darstellt.

Die Welt blieb in jenem Sommer nicht stehen - außer für mich! In Bagdad wurden fast 300 Menschen durch Suizid-Bomber getötet. In Nizza fuhr ein Mörder mit einem Lkw 86 Menschen zu Tode. In der Türkei scheiterte ein als Scheitern geplanter Putschversuch, der gut 300 Menschen das Leben kostete und 130.000 politische Gegner ins Gefängnis brachte. Ein Erdbeben in Italien forderte rund 300 Menschenleben. In Mittelamerika starben mehr als 1000 Menschen durch einen Hurrikan. Ein syrischer Tyrann führte seit sechs Jahren Krieg gegen das eigene Volk. Und am Tag meiner Verhaftung, dem 102. Jahrestag des Attentats von Sarajewo 1914, waren im Flughafengebäude von Istanbul etwa 50 Menschen durch eine Bombe zerfetzt worden. Nein, die Welt war in diesem Sommer, als Bob Dylan den Nobelpreis erhielt, nicht stehengeblieben.

© Hannes Stuber