Seil oder Nicht-Seil, das ist ...

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Seil oder Nicht-Seil, das ist ... | story.one

... hier die Frage: Wie sollte ich dem türkischen Knast entrinnen?

Mit 20 wollte ich eine Reise ans türkische Meer machen, aber das ging schief, und ich landete unverhofft - statt in Ephesos - im Istanbuler Gefängnis, angeklagt auf 30 Jahre Haft. Zwecks psychiatrischer Untersuchung wurde ich ein Jahr später mit anderen Häftlingen ins Irrenhaus von Istanbul gebracht. Ich hatte mich versetzen lassen, um zu sehen, ob es eine Fluchtchance gab. Man führte uns in den dritten Stock. Wir mussten die Kleidung abgeben, bekamen weiße Pyjamas und wurden in einen abgetrennten Teil, einen riesigen Schlafsaal mit großen hohen vergitterten Fenstern und einer schweren Eisentür geführt.

Ein bereits benutztes Bett wurde mir zugeteilt. Proteste halfen nichts. In dem heruntergekommenen Saal hauste ein Dutzend geistesgestörter Verbrecher. Vor den Fenstern sah man die Häuser der Altstadt, zum Greifen nahe, aber unerreichbar. Die Verrückten unterhielten sich belfernd und schreiend, sodass ich schon am ersten Nachmittag Kopfschmerzen bekam. Ich flüchtete auf die Toilette, um den Lärm zu dämpfen. Ein unvergittertes Klofenster befand sich in vier Metern Höhe - mit etwas Geschick über einen Sims zu erreichen. Wir befanden uns im dritten Stock. Ein Seil war nötig, um draußen auf den Erdboden zu gelangen. Hier drin in der Klapse ein Seil zu bekommen, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Abendessen war ein ekelerregender Fraß. Und das war es immer. Erst am achten Tag wurde ich Ärzten vorgeführt. Sie machten sich Notizen und schwiegen. Am neunten Tag stand ich auf dem Sims eines der riesigen Fenster und starrte hinaus, als ich auf einem zwanzig Meter entfernten Hotelbalkon einen jungen Mann sah, der Wäsche zum Trocknen an die Leine hing. Ich rief ihn an. Es war ein Deutscher, auf der Rückreise von Indien. Kurz erzählte ich ihm von meiner Situation, angeklagt auf Lebenslänglich, weil mir ein Türke meine 37 Lsd-Tabletten stahl und behauptete, sie gekauft zu haben. Und es gab noch kein Gesetz gegen diese Droge in der Türkei. Ich bat den Deutschen, mir ein Seil zu besorgen, das er mir gut durch die Gitterstäbe reichen konnte, wenn er ein Flachdach überquerte.

Erst zögerte der Mann, dann willigte er ein. In diesem Moment brüllte mich ein Pfleger aus dem Hintergrund an. Ich musste herabsteigen. Es war verboten, auf dem Fenstersims zu stehen. In der Nacht lag ich wach, auf jedes Geräusch horchend. Nichts. Der Deutsche kam nicht. Enttäuschung. So nah: die Freiheit. Nur ein Seil hätte es gebraucht. Am Morgen stieg ich auf den Fenstersims. Die Wäsche war abgenommen. Später brachte mir ein Pfleger ein Kilo Orangen und einen abgegriffenen deutschen Kriminalroman.

Ich hörte nichts mehr von dem jungen Mann. Der Krimi war banal. Die Orangen verschenkte ich. Nach elf Tagen im Irrenhaus brachten sie mich ins Gefängnis von Bayram-Pascha zurück: Lebenslänglich wartete: 30 Jahre. Obwohl nicht einmal ein Gesetz zu jenem Vergehen existierte, das ich nicht begangen hatte.

© Hannes Stuber 11.06.2019