Unter Verbrechern

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Unter Verbrechern | story.one

Wer manchmal Hanf zum Tabak raucht und beides auch besitzt, ist ein krimineller Wiederholungstäter, wie das juristisch heißt. Nun bin ich sogar ein amtlich bestätigter Verbrecher geworden: Da ich ein paar Pflanzen aufzog, sie rauchte und einem schwer krebskranken Freund, der mittlerweile verstorben ist, davon abgab, damit er weniger Schmerzen hatte und noch ein bisserl essen konnte, dadurch beging ich das Verbrechen der Suchtgiftmittelerzeugung sowie das Verbrechen des Suchtgiftmittelkonsums sowie das Verbrechen der Suchtgiftmittelweitergabe! So ist das in der Anklageschrift enthalten.

Aus einer Lappalie macht man ein Schwerverbrechen, und flugs drei auf einen Schlag: zack, zack, zack; die österreichische Methode. Die Richterin sagt: "Cannabis ist wie Heroin und Kokain! Daher derselbe Strafrahmen: ein bis zehn Jahre Haft." Und sie denkt wohl: "Dieser Mann will was anderes haben als Tabak, Bier, Wein oder Whisky - so ein Verbrecher aber auch!"

Und schon sitze ich unter den Verbrechern im Gefängnis.

Wandere täglich mit ihnen eine Stunde im Kreis. Der Hofgang ist die Brutstätte der Kriminalität. Graz-Jakomini, mitten in der Stadt. Die Angst vor langer Haft frisst sich bis ins Knochenmark hinein. Das innere Exil hat keinen Ausgang. Nachts leuchtet regelmäßig die Neonlampe über mir auf. Dann stiert mich ein Wärter durch das Guckloch an.

Der Zellenboden besteht aus giftigem Asbest: kein Problem für die Justiz. Das Essen riecht und schmeckt so sehr nach Geschmacksverstärkern, sodass ich es in die Toilette schütte. In der Kantine, in die man alle sieben Tage mal gehen darf, gibt es Äpfel, die im Kern faulig sind. Als Vitaminration für eine Woche erhält man im Hochsommer ein Sechstel einer Wassermelone.

In diesem Hitzesommer kühlt es selbst nachts nicht ab. Stundenlang wälze ich mich schlaflos auf den von Schweiß durchtränkten Bettlaken, die auf meinem Körper kleben. Alle Fenster sind der Hitze wegen immer geöffnet. Die Verbrecher rufen sich über den Innenhof häufig etwas zu, von Zelle zu Zelle, bis zu 15 Stunden am Tag. Die Sätze kommen mit Echos zurück. Die Schlafdeprivation - verstärkt durch das stundenlange Brüllen der Araber, Afghanen, Tschetschenen, Rumänen, Steirer und anderen - sägt an meinen Nerven. Die Wärter wollen nichts gegen das Geschrei unternehmen, im Dienstzimmer hören sie es nicht. Die einzig erhältlichen Ohrenstöpsel taugen nichts.

Im Herbst wird es kühler. Man kann das Fenster schließen. Nach drei Monaten gewöhne ich mich widerwillig an den öden Trott im Knast. Wenn meine Frau zu Besuch kommt, wird der Rest des Tages erträglicher. Sie besucht mich die erlaubten zweimal die Woche jeweils für die erlaubte halbe Stunde: sitzen hinter Glas, reden übers Telefon. Ein Beisitzer hockt mit gezücktem Stift neben ihr und hört mit. Am Tag nach dem Besuch falle ich immer in ein tiefes Loch, in ein Gefühl, als ob sie seit Wochen nicht da gewesen sei. Sie kommt jeden Montag und Donnerstag. Sie ist meine Rettung.

© Hannes Stuber