Miss King

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Miss King | story.one

Bevor ich zu den Sängerknaben nach Stift Zwettl wechselte, besuchte ich ein Jahr die Hauptschule in Zwettl. Bemerkenswert vielleicht, dass man damals (1945) noch eine Aufnahmsprüfung machen musste. Englisch unterrichtete Miss King, eine - wie mir 10- Jährigem schien - ältliche Jungfer. Sie war altmodisch gekleidet und war in ihrem Auftreten , für unsere Begriffe, ziemlich verzopft.

Sie hatte einen Zwergpudel, der der alleinstehenden Lehrerin sehr viel bedeutete. Eines Tages beauftragte sie meinen Bruder Sepp, der auch an der Schule war, zu ihr nach Hause zu gehen, um den Hund sorgfältig abzutrocknen, den sie vorher gebadet hatte und ihn nicht mehr betreuen konnte, weil sie zum Unterricht musste.

Leider war sie schon allein durch ihr Erscheinungsbild prädestiniert, von den Schülern geärgert zu werden. Ich schloss mich auch nicht aus und verbrachte manchmal strafweise einige Zeit vor der Klassentür. Meine Schwester in der 4.Klasse tröstete mich, wenn ich vor der Tür stand. Wohl auf Grund meines schauspielerischen Talents wegen meiner bedauernswerten Mimik ! Es gab aber eigentlich nichts zum Trösten, denn ich war halt auch nicht immer brav !

Stand ich fallweise hinter der Tafel, nahm ich mir mein Jausenbrot mit und verzehrte es mit Genuss. In diesem Schuljahr erhielt ich in Betragen ein "Gut". Es war das einzige in meiner schulischen Laufbahn !

An der Schule gab es ein uraltes Harmonium, das sich in einem Abstellkammerl befand und wir Buben es in der Englischstunde immer holen mussten. Einmal entwischte eine Maus aus dem Instrument. Das war ein Hallo in der Klasse !

Weil in der Englischstunde nur die Mädchen auf dem Podium standen und vorsingen durften, beschloss ich, mich bei Miss King zu beschweren. Zusammen mit zwei Mitschülern aus Zwettl trat ich vor und sagte: "Frau Lehrer, es ist nicht einzusehen, dass nur Mädchen vorsingen dürfen. Wir Buben können das genauso gut !"

In der nächsten Stunde holten wir wieder das Harmonium, stellten es auf das Podium und wir drei Aufmüpfigen nahmen mit Erlaubnis von Miss King daneben Platz. Als sie die ersten Töne anschlug, rissen wir unsere Mäuler weit auf, ohne einen Laut von uns zu geben. Ein Bild für Götter ! Gelächter der Mitschüler! Sie blickte uns völlig konsterniert an und verkündete mit strenger Miene: "Das melde ich dem Direktor !"Sie nahm ihre Handtasche vom Lehrertisch und verließ die Klasse. Wir Schüler wussten aber, dass sie sich nur eine Weile vor der Tür befand und dann wieder zurückkehrte, ohne sich beim Direktor zu beschweren.

Ich muß ihr posthum Abbitte leisten. Sie hätte sich unsere Sekkatur eigentlich nicht verdient !

© Hannes Zeisler 11.10.2019