Was ist ein Schäferstündchen ?

Da mein Einkommen in der Privatschule in Wien für eine dreiköpfige Familie nicht reichte, nahm ich den Posten eines Religionslehrers an. Da ich auch in Religion eine Prüfung abgelegt hatte, war ich auch befähigt, diesen Gegenstand zu unterrichten.Ich war einer Hauptschule im 15. und einer im 5.Bezirk zugeteilt. Es waren jeweils erste bis vierte Klassen mit unterschiedlicher Schülerzahl. So saßen in der 4.Klasse A im 15.Bezirk 36 Kinder, in der 4.Klasse B nur 12. Die hatten es aber in sich!

Als ich diese 4B erstmals betrat, zeigte sofort ein Schüler auf, bevor ich überhaupt mit dem Unterricht beginnen konnte, und fragte: "Wissen Sie, warum der Herr Kaplan vor Ihnen weggekommen ist?"

Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Nein, keine Ahnung!"

Der Schüler, neugierig auf meine Reaktion: "Er hat einen Nervenzusammenbruch erlitten!"

"Täuscht euch nicht, ich habe Nerven wie Drahtseile!" sagte ich. Es wurde mir bald bewusst, dass der Abgang des Kaplans durchaus verständlich war. Mein Nervenkostüm war nach einem halben Jahr auch so kaputt, dass ich fast reif für die Anstalt gewesen wäre. Zum Glück erhielt ich nach drei Jahren Wartezeit eine Anstellung im Niederösterreichischen Schuldienst.

Es war mir kaum gelungen, trotz eifrigen Bemühens einigermaßen Aufmerksamkeit für Religion zu wecken! Ich war auch unglücklich darüber, dass es mir in der Klasse mit nur 12 Schülern kaum gelang, für Disziplin zu sorgen, so wie ich es gewohnt war. Der Religionsinspektor bescheinigte mir trotzdem eine gute Disziplin. Wie muß es da in anderen Schulen zugegangen sein?

Die Erfahrungen im 5.Bezirk übertrafen aber noch bei weitem alles bisher Erlebte! Wieder eine erste Stunde in einer dritten Klasse der Hauptschule. Ein Schüler zeigte auf und fragte, präpotent grinsend: "Bitte, was ist ein Schäferstündchen? Ich habe es in der Zeitung gelesen."

"Mein Freund," erwiderte ich, "das weißt du sicher besser als ich". Es war nicht nötig, darauf näher einzugehen, weil ich genau wusste, dass er mich nur provozieren wollte. Zum Glück hatte ich einen verständnisvollen Direktor an dieser Schule, der mir gelegentlich diesen verhaltensauffälligen Schüler abnahm und während der Religionsstunde in seiner Kanzlei beaufsichtigte. Wäre natürlich gar nicht gestattet gewesen! Nur war es für den Kerl kein Verlust, da er sich ohnedies nicht für Religion interessierte.

Eines Tages zeigte mir der Klassenvorstand und Deutschlehrer dieser 3.Klasse eine Hausübung, in der der bewusste Schüler unter anderem geschrieben hatte: "Die Lehrer müssen geohrfeigt werden.!"Der Kollege, Mitte fünfzig, ließ sich leider so provozieren, dass er dem Burschen eine Ohrfeige verpasste. Die Folge war, dass die Eltern eine Meldung an den Stadtschulrat machten und der pragmatisierte(!)Lehrer versetzt wurde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der Schüler auf dem Gang stand, sich die Hände rieb und lauthals verkündete: "Den habe ich weggebracht!"

© Hannes Zeisler