‚Wir sind Nazis‘

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‚Wir sind Nazis‘ | story.one

1948: der erste Schultag stand bevor und ich wurde neu eingekleidet. Bisher fand ich mit einer Lederhose und von Mutter selbst hergestellten Kleidern das Auslangen. So schneiderte sie aus Vaters aufgetragener Unterhose gleich zwei davon. Als Testlauf für die neue Einkleidung war ein Besuch bei Großmutter – samt vorheriger gründlicher Waschung- vorgesehen. Als wir nun bei Oma ankamen, war bereits Besuch aus der Verwandtschaft da - darunter ebenfalls ein frisch eingekleideter Schulanfänger. Dieser hatte etwas, was ich nicht hatte: einen flotten Hut mit Hahnenfeder – ein Sonderangebot eines örtlichen Schneiders. Kurz entschlossen eilte Mutter dorthin um auch für mich solches zu erwerben.

Nun befand sich angrenzend an das großelterliche Haus ein Lager der englischen Besatzung, wobei zwei Offiziere im Hause der Großeltern einquartiert waren. Diese hatten uns bei einem vorangegangenen Besuch mit Schokolade beschenkt – etwas, was wir bis dahin nur aus Erzählungen kannten und deren Genuss uns in den siebenten Himmel beförderte. Sogleich machte ich mich mit meinem Freund auf die Suche nach den Offizieren – doch die waren nirgendwo zu sehen. Also beschlossen wir, ihnen einen Besuch im Lager abzustatten. Doch die Torwache ließ uns nicht hinein. Wie sollten wir nun zur heiß begehrten Schokolade kommen? Da kam mir die geniale Idee!

Wir setzten uns die Hüte verkehrt herum auf und liefen entlang dem Zaun auf und ab in guter Hörweite der dort aufgestellten Wachen und brüllten so laut wir konnten: ‚Wir sind Nazi’

War doch das Wort Nazi auch jedem nicht Deutsch sprechenden Soldaten ein Begriff und Ziel konsequenter Verfolgung. Zunächst gab es keine Reaktion, schließlich wurde das Wort Nazi doch erhört und es kam Bewegung auf. Zwei Militärpolizisten mit Deutschkenntnissen traten an uns heran und fragten, was wir hier wollten und wer die Nazis seien. Ich erklärte ihnen, dass wir unbedingt die bei uns einquartierten Offiziere sprechen müssten. Etwas erstaunt versprach der MP, nachzusehen. Die Offiziere waren aber nicht da und so schickte man uns zurück zu Oma‘s Haus.

Die beiden Offiziere hatten nämlich Ausgang und erschienen erst kurz vor unserem Aufbruch und erzählten Großvater von diesem Vorfall. Irritiert holte er uns Buben zum Rapport. Als ich dann herausrückte, was uns zu dieser Aktion bewogen hatte, erwiesen die beiden Offiziere glücklicherweise Humor und Großvater war sichtlich erleichtert, denn bei Naziverdacht wurde umgehend Untersuchungshaft verhängt.

Einer der Offiziere ging dann noch schnell in sein Zimmer und übergab uns eine angebrochene Tafel Schokolade mit der Warnung, so etwas nie wieder zu inszenieren. Doch in meiner zukünftigen Laufbahn gab es dann doch immer wieder solch kreative Ideen ....

© Hans Hubert Steiner 08.03.2020