Wenn das Wasser ruft!

Vier mal in meinem Leben bin ich fast ertrunken. Trotzdem habe ich keine Angst vor Wasser, im Gegenteil! Wasser zieht mich magisch an. Ich wusste nur lange nicht, warum das so ist.

Hineingeboren wurde ich in eine sehr musische Bergbauernfamilie. Meine Ur-DNA stammt von einem Sonnenplateau in Kärnten hoch über der Nebelgrenze. Wir hatten eine selige Kindheit, immer zu wenig Geld, aber einen guten Zusammenhalt. Im Innenhof steht der für mich damals größte Kastanienbaum der Welt, und mit fünf muss ich natürlich da hinauf. Beim Runterspringen stürze ich in den kalten Bach und verliere die Besinnung. Gott sei dank ist Arnold da und zieht mich raus. Ertrinken Nummer 1. Was mich aber wirklich sorgt, ist, dass mein Holzschlapfen davon geschwommen ist.

Ich lerne schwimmen. Denn das Wasser ruft mich, mal laut, mal leise. Ich habe noch keine Ahnung, was es von mir will, aber ich weiß, da ist was. Nennen wir es Urvertrauen.

Ertrinken Nummer 2 passiert in der Türkei. Als Hochgebirgler mit knapp 20 habe ich natürlich keine Ahnung von Strömung und Gezeiten. Die Ebbe zerrt mich unaufhaltsam hinaus aufs Meer und immer tiefer unter Wasser. Atemnot? Ja. Todesangst? Überhaupt nicht. Wieder spüre ich tief in mir drin: Das Wasser ist gut zu mir. Und spukt mich tatsächlich wieder an Land. Ein Müllfahrer haut mir mit der Faust auf den Brustkasten und bringt mein Herz wieder zum Schlagen.

Der dritte Ruf des Wassers ereilt mich im November, in den Bergen ist schon Winter. Ich bin mit dem Auto unterwegs, verliere die Kontrolle und stürze in einen eiskalten Gebirgssee. Mit aller Macht dringt das Wasser durch alle Ritzen. Mir bleiben maximal fünf Minuten. Aber ich denke nur darüber nach, wie ich meine Klarinette und das Saxophon auf dem Rücksitz retten kann. Wieder hab ich die Gewissheit: Das ist nicht das Ende, das Wasser ist nicht mein Feind. Es will mir etwas sagen, aber was?

Der finale Hinweis Nr. 4 kommt beim Triathlon. Ich bin inzwischen ein wirklich guter Schwimmer, austrainiert, bestens vorbereitet. Aber schon nach wenigen Metern schnürt sich mein Brustkasten zusammen, und ich bekomme kein Luft mehr. Es wird finster. Viele würden so schnell als möglich aus dem Wasser flüchten. Aber ich lasse mich auf das Element ein. Seelenruhig. Und ich höre, was es mir zu sagen hat. Atme ruhig, vertraue deinem Körper, deinem Kopf, deinem Instinkt.

Heute bin ich 43 und helfe Menschen, ihre innere Mitte, ihre Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Wie? Ich gehe mit ihnen ins Wasser. In einem Pool hänge ich sie an dehnbare Seile und ziehe sie mal langsam, mal schnell durchs Wasser. Ich drehe und strecke sie wissend zur Regeneration. Mit dem hydrostatischen Druck des Wassers und speziellen Hebelwirkungen löse ich ihre Verspannungen – die körperlichen, vor allem aber auch die geistigen. Im Schnitt verbringe ich heute drei bis vier Stunden am Tag im Wasser, manchmal auch sieben. Es ist mein Lebenselement.

Der kleine musische Junge vom Lande hat den Ruf verstanden.

© Harald Kitz