Ans Meer nach Italien

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Ans Meer nach Italien | story.one

Als ich noch ein kleiner Junge war fuhren wir im Sommer immer an die Adria. Es war ja auch nicht so weit weg von zu Hause. Meeresluft täte uns gut, hieß es. Wir Kinder freuten uns sehr darauf zur Adria zu fahren. Meistens fuhren wir nachts, da war es nicht zu heiß und eine Klimaanlage im Auto gab es damals noch nicht. Außerdem brachte uns mein Vater nur hin, er fuhr wieder zurück um zu arbeiten. Wir blieben jedoch für vierzehn Tage. In einem kleinen Hotel an der Adria.

Dieses Weg-Fahren, Ans-Meer-Fahren. Irgendwie klang das so exotisch in unseren kleinen, jungen Ohren. War ja auch klar, wenn man das ganze Jahr über zwischen Bergspitzen lebt, die acht von zwölf Monate lang weiß sind, denkt man eben nicht oft ans Meer, auch wenn es nur drei Autostunden entfernt ist; das Meer...

Meer, es kam immer näher, war immer mehr Meer. Ich sehe die A22 heute noch vor mir: zuerst Richtung Modena, vorbei am Gardasee, der für uns ja auch schon ein kleines Meer ist, vorbei an Verona und bei Bologna nach links. Dort wurde es dann meistens so langsam hell. So bei Ravenna. Wir Kinder auf dem Rücksitz des alten Autos erwachten und begannen mit verschlafenen Augen zu quengeln „Sind wir bald da?“ Je nach dem wie der Verkehr auf der Autobahn war, war dann auch die Laune des Vaters und folglich seine Antwort. War er gut gelaunt sagte er „Also ich sehe das Meer schon, weil ich vorne sitze.“ Und er lachte dabei verschmitzt in den Rückspiegel. Meine Schwester und ich gerieten dann meist in helle Aufruhr „Wo denn? Wo ist es denn?!“, riefen wir aufgeregt und erwachten blitzartig, dann sprangen wir auf den Rücksitz auf und ab, bis meine Mutter uns bat, doch etwas ruhiger zu sein, es dauere nur noch eine halbe Stunde maximal eine Stunde bis wir da wären. Daraufhin schalt sie den Vater meistens ein wenig und fragte ihn, mit leicht vorwurfsvollem Unterton in der Stimme, warum er uns denn so necken müsse?

Irgendwie merkt man es bereits am Licht des Morgens, wenn das Meer da ist. Es ist dieser helle, leicht rötliche Schein der Sonne gepaart mit der warmen Luft. Der Radiosprecher, den ich damals erst teilweise verstand und der nie aufhörte zu plappern. Und dieser leicht salzige Geruch, die Luft, die so schwer zu sein schien, im Gegensatz zur leichten Bergluft bei uns zu Hause. Das war für mich damals Italien. Das war für mich das Meer. Heute beginnt Italien für mich schon früher, wenn sich im Südtiroler Unterland so langsam der Baustil ändert, die Reben auch im Tal stehen und nicht nur auf den sonnigen Hängen, wenn die felsigen Berge in sanfte, bewaldete Hügel übergehen, dann beginnt Italien. Alles was danach noch folgte, als Kind an der Adria: die Zeit am Strand, im Wasser, im Restaurant und abends im Luna Park, auf der Strandpromenade und in den Sandlöchern neben der Strandliege meiner Mutter, das alles ist Italien. Meer war aber die Fahrt zur Adria.

© Harald Wieser