Das Lied vor der Friedhofsmauer

Weihnachtsferien 1969/70.

Der damalige Feuerwehrkommandant von Sallingberg, Franz G., besuchte mich und erklärte mir, dass eine Sitzung der Feuerwehr stattgefunden hätte, bei der man den Beschluss fasste, eine Musikkapelle zu gründen. Es gab nämlich in der Zwischenkriegszeit zwei Kapellen in Sallingberg, eine geleitet vom Pfarrer, die "profane" von jemandem aus der Bevölkerung, dessen Name mir nicht geläufig ist. Die Kapellen hatten sich wegen der Kriegswirren aufgelöst.

So war es verständlich, dass der Wunsch nach einer Musikkapelle sehr groß war. Franz G. bedrängte mich so lange, mich der Sache anzunehmen, bis ich schließlich zustimmte. Ich ahnte aber, dass es eine schwere "Geburt" werden würde. Von den Proponenten kannten nur wenige die Noten oder hatten jemals ein Instrument in Händen ! Auch die Begabungen waren sehr unterschiedlich. Nach drei Stunden, in denen ich versuchte, ihnen die Noten beizubringen, wollten die angehenden Musiker unbedingt mit dem praktischen Spiel beginnen.

Der Blechbläser nahm ich mich an, da ich selbst Horn und Trompete in der Lehrerbildungsanstalt spielte. Die Klarinettisten erhielten in Ottenschlag ihre Ausbildung. Ein Flügelhornist, der bereits bei der Musikkapelle in Ottenschlag mitwirkte, unterstützte mich.

Nach vielen intensiven Proben traten wir erstmals bei einer Dichterlesung im September 1970 auf. Unser Repertoire bestand aus 4 Märschen und 2 Walzern! Die Zuhörer waren trotzdem begeistert, wenn sich auch noch manch falsche Töne unter das Spiel mischten. Sallingberg hatte endlich wieder eine Musikkapelle !

Zu allen möglichen Anlässen mussten wir ausrücken, natürlich auch bei Begräbnissen. Während der Seelenmesse hielten sich die meisten Musiker im Gasthaus auf. Das war in Sallingberg kein Problem, weil man direkt auf die Kirchentür sah und daher genau wusste, wann die Messe vorbei war und wir wieder rechtzeitig Aufstellung nehmen konnten.

In der Nachbarpfarre Grainbrunn war dies schwieriger, weil man vom Gasthaus nicht zur Kirche sah. So bestimmten wir immer einen Musiker, der Nachschau hielt, damit wir das Ende der Messe nicht übersehen. Einmal war unser "Beobachter" leider sehr säumig und wir mussten feststellen, dass sich der Trauerzug bereits Richtung Friedhof bewegte ! Flugs die Instrumente genommen und im Laufschritt - wie italienische Alpini - zum Friedhof. Wegen der Großen Trommel kamen wir nicht schnell genug voran und erreichten erst den Friedhof, als der Verstorbene bereits ins Grab hinabgelassen wurde. Dem ungeordneten Haufen Musiker konnte ich nur mehr vor der Mauer rasch den Einsatz zum Grablied geben !

Ich hoffe, er schaut vom Himmel herab und hat uns vergeben !

© Haze