Worte können Wunden heilen

5.Mai 2014 -Welthebammentag. Das ist mein Tag. Ich starte den Morgen mit einem Lauf in den Frühling. Die aufgehende Sonne kitzelt meine Nase. Ich überquere eine Seitenstraße Richtung Steinhofgründe. Meine Lieblingslaufstrecke. Von rechts nähert sich ein Auto. Der Fahrer hat eine Stopptafel. Im Laufen gebe ich ihm ein Zeichen, ein "Winken", es soll heißen: Ich laufe, du hast eine Stopptafel. Plötzlich höre ich ein Motorgeräusch näher kommen. Ich dreh mich zur Seite, das Auto rast auf mich zu. Ich rufe laut: Stooooopp!! In diesem Moment hebelt mich das Auto aus. Ich falle. Kurz verlasse ich meinen Körper. Ich höre ein dumpfes Poltern, mein Körper schlägt über die Motorhaube auf die Windschutzscheibe auf. Ich denke: " Shit, das wars..."Beim Aufprall auf den Asphalt bin ich wieder bei mir. Kurz davor höre ich ein Knacksen, als ob jemand einen dünnen Ast von einem Baum abbricht. Ich liege auf der Straße, bekomme kaum Luft. Ich höre eine Autotür zufallen. Ein Mann läuft auf mich zu. Er schreit mich an: Sie sind mir ins Auto gelaufen, warum laufen sie so schnell, warum laufen sie überhaupt?! Ich möchte aufstehen um mir selbst zu beweisen dass es nicht so schlimm ist. Es funktioniert aber nicht. Der Autofahrer ist total neben der Spur und fragt mich was er machen soll. Als notfallerprobte Hebamme bin ich plötzlich ganz in meinem Element. "Rettung rufen, Polizei rufen, meinen Mann anrufen" antworte ich. Danach: "mich zudecken, und meine Hand halten" Ich zittere am ganzen Körper. Ich schließe meine Augen. In der Ferne höre ich ein Folgetonhorn. Meine Diagnose lautet: Gehirnerschütterung, Schambeinast verschoben, Schienbeinbruch, Wirbelbruch, Ellbogennerv verletzt. Die nächsten Wochen gestalten sich mühsam. Ich quäle mich auf Krücken durch den Alltag. Meine großen Stützen , mein Mann und mein Sohn. Neben dem körperlichen Schmerz, lässt mich der seelische Schmerz nicht los. Flashbacks rauben mir den Schlaf. Der Aufprall, der schimpfende Autofahrer, der Aufprall...Endlosschleifen im Hirn. Zwei Wochen nach dem Unfall läutet es an der Tür. Ich humple zur Gegensprechanlage. "Hallo, ich bin der Mann der sie angefahren hat, darf ich kurz mit ihnen reden? " Mein Herz hämmert, plötzlich beginn ich wieder zu zittern. Wie damals, am Boden liegend. Der Feind meiner schlaflosen Nächte ist da. Ich öffne die Tür. Ein älterer Mann steht vor mir. Er streckt mir einen Riesen-Blumenstrauß entgegen und flüstert. "Entschuldigung, es tut mir so leid" Wir sprechen über "meine" und "seine" Flashbacks. Es ist ein kurzes erlösendes Gespräch. Für Beide. Ich humple zurück in die Wohnung. Der Schmerz in der Wirbelsäule ist auf einmal leichter. Ich setze mich und plötzlich bricht es aus mir heraus, wie ein warmer Sommerregen. Ich weine vor Erleichterung. Weil ich leben darf, weil ich nicht im Rollstuhl sitze, weil ich so liebe Männer an meiner Seite habe. Ich weine, weil mein Glaube an die Menschlichkeit wieder da ist, und weil Worte Wunden heilen können.

© Hebethix