Blitzstart

Diesmal wird meine Freundin Nancy mit Stuzy und ich werde mit Ljúfur unterwegs sein. Zuerst holen wir die Pferde von der Weide. Dabei werden schon die ersten Neuigkeiten ausgetauscht. Unser Hund hat heute Hausarrest. Zwischendurch muß er auch alleine bleiben können. Petrus ist uns wohlgesonnen. Es ist angenehm temperiert und ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über uns.

Gutgelaunt machen wir uns ans Striegeln, Satteln und Zäumen. Leider war mir noch nicht bewußt, wie wohltuend und wirkungsvoll es ist vor dem Aufsitzen Aufwärmübungen zu machen. Beim Gehen und Putzen sind einige unserer Muskel schon auf Betriebstemperatur gebracht und einige unserer Gelenke geschmiert worden. Doch es gäbe weitere Bereiche des menschlichen Körpers, denen es auch gut täte, ein wenig aufgeweckt zu werden. Nach dem Motto: nicht nur das Pferd gehört aufgewärmt, der Reiter auch!

Also wir schwingen uns auf die Pferde. Wo soll es heute hingehen? Wir beschließen den sanft ansteigenden Feldweg zu nehmen auf dem es sich soo schön galoppieren läßt. Bis dorthin reiten wir fleißig ratschend nebeneinander. Es ist soweit! Der Freuden verheißende Weg liegt vor uns! Nancy reiht sich hinter mir ein. Ich bin kein Freund von Wettrennen in diesem Gelände. Eine Sekunde passe ich nicht auf und Ljúfur geht vom Schritt direkt in volles Tempo Galopp über. Ich höre Nancy etwas rufen, dann taucht Stuzy reiterlos neben mir auf!

Im Moment brauche ich garnicht versuchen Ljúfur zu bremsen, er ist im Wettrennmodus. Also warte ich bis ich spüre, er wird ein wenig weniger ungestüm. Dann nehme ich die Zügel immer wieder etwas an und es gelingt mir ihn zum Stehen zu bringen. Ich drehe ihn um und sehe Nancy am Boden liegen! Der Blitzstart hat meine Freundin überrumpelt und sie ist vom Pferd gefallen. Mein Herz rutscht in die Hose! Was fehlt ihr?!

Ich will Ljúfurs Temperament nicht wieder ausufern lassen und reite im Schritt zu Nancy zurück. Um Stuzy brauche ich mich nicht kümmern. Er bleibt in Ljúfurs Nähe und grast zwischendurch. In meinem Magen liegt ein dicker schwerer Kloß. Nancy bewegt sich nicht! Erst nach ein oder zwei Minuten öffnet sie ihre Augen und setzt sich langsam auf. "Was ist passiert?" fragt sie mich mehr als einmal. Das verängstigt mich noch mehr, daß sie das immer wieder fragt. Herr Gott und Frau Göttin sei's gelobt und gedankt, alle Knochen sind heil geblieben! Nur ihr Bein schmerzt.

Wir beschließen, daß sie auf Stuzy heimreitet. Ich sammle ihn ein. In Zeitlupe steht Nancy auf und ich helfe ihr in den Sattel. Geknickt geht es heimwärts. Ihr Mann fährt sie zum Arzt, ich versorge die Pferde. Ihr Bein hat eine lange Schürfwunde. Ihre Nylonstrumpfhose muß sich durch Reibung erhitzt und in die Wunde "hineingebrannt" haben. Ein ganzes halbes Jahr braucht ihre Haut um sich dort wieder zu regenerieren.

Einen Helm aufsetzten wollte Nancy nicht. Das Trauma aufarbeiten auch nicht. Nur mehr zwei Mal ist sie mit mir ausgeritten. Schade, nach so vielen guten Reiterlebnissen!

© Hedwig Kromer