Nur einen Blick

fange ich vom Straßenrand auf. Er enthält nur ein Wort: "Bitte.".

Er kommt von einem großen Hund, der dort sitzt. Es ist nicht weit vor Katzelsdorf. Er muss schon länger dort sein, denn sein Platz in dem niedrigen Gebüsch schaut wie eine kleine Höhle aus. Was mach ich nur? Ich bin gerade zügig unterwegs, um die Obst- und Gemüsekisterl für (damals) unseren Bioladen auszuliefern. Eines muss ich noch in Bernhardsthal abgeben, dann bin ich für heute fertig. Reichlich zügiger nehme ich Fahrt auf. Hoffentlich bleibt der Hund dort, bis ich zurück bin!

Tatsächlich! Als ich wieder zu dieser Stelle komme, liegt er eingerollt in seiner Höhle. Ich parke am Straßenrand und steige aus. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Es gibt auch kein abgestelltes Auto, zu dem er gehören könnte. Also geh' ich zu ihm hin. Er trägt kein Halsband. Der schöne Kerl ist aufgestanden und begrüßt mich freundlich. Ein wenig bin ich in Hundeetikette bewandert. Deshalb sage ich ihm ebenso freundlich, mit abgewendetem Blick, Hallo. Ich halte ihm meine Hand hin, damit er ausgiebig daran schnuppern kann. Er soll ja wissen, mit wem er es zu tun hat.

Groß ist er. Sein dichtes langes Fell ist hauptsächlich schwarz mit ein wenig braun. Das muss wohl ein Schäfermischling von der langhaarigen Sorte sein. Was mach' ich nur? Ich überrede den Hund, beim Beifahrersitz in den Lieferbus zu klettern. Gern macht er das nicht, ich brauche viele gute Worte.

Ich nehme die Straße nach Reintal und frage im dortigen Gasthaus nach dem Gendarmerieposten. Doch der ist bereits aufgelöst worden. Dafür berichten sie, dass dieser Hund schon ein paar Tage in dieser Gegend ist. Sie erzählen, dass er vor dem Gasthaus beinahe überfahren worden wäre. Na gut. Kein Kommentar. Retour geht es nach Bernhardsthal. Inzwischen habe ich für meinen hübschen Begleiter einen Namen gefunden: Benno. Eng ist es für ihn da drinnen, aber er bleibt brav sitzen.

Der Gendarm nimmt die Meldung auf. Aber es gibt keine entsprechende Verlustanzeige. Also vereinbaren wir, dass Benno fürs Erste bei meinem Mann und mir bleibt. Der Beamte ist heilfroh, dass er nicht selber zum Hundeeinfangen ausrücken muss.

Nach drei (!!) Monaten meldet sich seine ursprüngliche Besitzerin. Aber da hat Benno schon eine neue Familie in Falkenstein gefunden. Sie haben ihm den klangvollen Namen Timon gegeben. Bei ihnen führt er das herrlichste Hundeleben. Da und dort hat er in Falkenstein für Nachwuchs gesorgt. Auch bei unserer Hündin Marjorie. Aber das erzähle ich ein anderes Mal.

© Hedwig Kromer