Sternderl schauen

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Sternderl schauen | story.one

Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf Urlaub. Wo werden Sie lieber spazieren gehen: in einer Neubausiedlung oder in einer alten Dorfzeile?

Das ehemalige Bauernhaus, das mein Mann und ich bezogen haben, steht in einer Straßenzeile des Dorfes. Es besitzt einen geschlossenen Innenhof von ca. 300m2. Der größte Vorteil ist der Sichtschutz. Wenn man faul und nackig in der Sonne liegen wollte, gäbe es keine Zuseher. Kein Vorbeigehender kann lästern, weil das Gemüsebeet nicht ordentlich gejätet ist. Auch Lärm und Wind bleiben außen vor. Energiesparmäßig ist diese Bauweise ebenfalls vorteilhaft. Das direkt an den Nachbarn anschließende Zimmer brauchen wir weit weniger heizen ,als das an der Einfahrt gelegene.

Wenn man in unsere Einfahrt hineingeht, ist links zuerst die zwei Stockwerke hohe Hausmauer der Nachbarin. Anschließend die Mauer ihrer ebenerdigen Ferienwohnung. Zuletzt schließt eine fast 2 Meter hohe Wand aus Betonschalsteinen an.

Auf der rechten Seite der Einfahrt ist zuerst die Mauer des Wohnzimmers. Nach hinten versetzt schließt, der Länge nach, die Küche an. Dann folgt Rumpelkammer, Kaninchen- und der Ziegenstall. Der anschließende Mistplatz und der restliche Hofbereich ist durch eine drei Meter hohe Mauer gegen die anderen Nachbarn abgegrenzt. Am unteren Ende steht, quer, der Stadl. Also rundherum (hohe) Wände.

Anfangs war der Innenhof ungeteilt. Später war oben der Garten. Der untere Hofbereich wurde nachts von Stuzy und Ljufúr bewohnt. Meistens haben noch ein halbes Dutzend Zwerghühner plus 2-3 Hähne und ca. 10 Taubenpärchen den Hofteil bevölkert. Zwischendurch haben wir auch Gänse, Enten, Perl-, Truthühner und Wachteln großgezogen. Köstlichkeiten waren also reichlich vorhanden.

Eines Sommers kam mir der Gedanke, wir könnten doch im Garten übernachten. Gesagt, getan. Ich hab unsere beiden alten Reservebetten hinausgeschleppt. Bettzeug drauf und geht schon. Sooo schön, das Sternderl schauen! Auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt ist, gibt es viel zu sehen. Ab und zu ist eine Fledermaus durch unseren Garten geflattert. Da hab ich mich sehr geehrt gefühlt.

Um 5Uhr morgens hat uns das Brummen der Hummeln geweckt. Sie haben sich an Nektar und Pollen der Großblumigen Königskerzen delektiert. Die Betten sind direkt neben den leicht 1,80m hohen Heilpflanzen gestanden. Ich hab auch gerne die Blüten genascht: süßlich und weich. Sie sind Bestandteil von Hustentees.

Die Erkenntnis der ersten Nacht draußen: dicke Decke, dicker Pyjama ist notwendig. Hätte ich nicht für möglich gehalten, wie kalt mir in der Früh war. Dafür gab's keine Gelsen.

Einige Nächte waren ungestört. Dann hat es einmal zu regnen angefangen. Mein Mann ist hinein übersiedelt, ich auf die Tretten. Das ist der überdachte Teil von Küche bis Ziegenstall. Sehr praktische Erfindung. Dadurch kann man witterungsunabhängig zu den Ställen gelangen.

Meine zweite Erkenntnis: u. U. muß ich schnell sein. Aber das Risiko ist es mir allemal wert!

© Hedwig Kromer 03.07.2019