Was hat sie nur?

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Was hat sie nur? | story.one

Ratlos schaut der junge schwarze Welpe zu seinem Frauchen auf. Sie ist erst 12 Jahre alt, schimpft aber wie ein Rohrspatz mit dem kleinen Hund. Er sitzt da mit der Frage: "Was hat sie nur?"

In meinem Bauch spüre ich, wie Ärger hochkommt. Ich habe keine Chance ihn zu unterdrücken. Die Mutter des Mädchens sitzt links von mir. Es ist mir egal. Ich halte dieses Gezeter nicht aus. Ich frage das Mädchen ziemlich grantig, warum sie den Hund schimpfen würde. Das, was er "angestellt" hat, ist schon Minuten her. Wie soll er das in Zusammenhang mit ihrem jetzigen Geschimpfe bringen?

Am Tisch sitzen außerdem vier fremde Kinder, zwischen 2 und 8 Jahren jung. Was gibt denn dieses Szenario für ein schreckliches Vorbild ab? Dabei macht ihre Mutter eine Ausbildung in Sachen Erziehung. Was, bitte, lernt sie da? Ihr einziger Kommentar zu diesem gräßlichen Schauspiel: es ist E....s Hund. Was soll das? Deswegen darf das Mädchen ungerecht zu ihm sein? Hat er das verdient? Der Welpe soll doch kein verschrecktes sondern ein selbstbewußtes Familienmitglied werden. Dazu braucht es Konsequenz, Geduld und fairen Umgang. Auch rasches reagieren.

Eine Pferdebesitzerin hat zu mir gesagt, daß man 11 Sekunden Zeit hätte um zu reagieren. Schauen Sie einmal auf die Uhr und zählen sie mit. Da hat wohl irgendwer den Einser doppelt gesehen und andere haben das ungeprüft übernommen. Ein Tier lebt im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit. Bei meinem Isländer mußte ich lernen in der Sekunde, in der er losgaloppieren wollte, die Zügel anzunehmen, sonst hat er seinen Kopf durchgesetzt. Ebenso schnell mußte ich wieder nachgeben, wenn er sich entschlossen hatte doch im Schritt zu bleiben. Das war das Lob für ihn. Dadurch konnte ich ihm beibringen, daß er auf mich hört.

"Was soll das?" fragt sich der hübsche Sheltiemischling, schüttelt sich und wendet sich ab. Sein Frauchen hat ihm Wasser ins Gesicht gesprüht. Offenbar hat Frauchen meinen angewiderten Blick bemerkt. Sie beruhigt mich: "Es ist nur Wasser, wirklich nur Wasser.". Zuerst weiß ich garnicht, was mich daran so stört. Ich frage die Frau, warum sie das denn getan hätte. Sie meint: "Wenn der Hund etwas gemacht hat, was er nicht soll, dann sprühe ich ihm ins Gesicht.". Mein Bauch sagt, da stimmt etwas nicht. Mein Verstand braucht eine Weile, bis er darauf kommt, was das denn wäre und es in Worte fassen kann.

Das, was nicht gestimmt hat, war die zeitliche Abfolge. Die Hündin hat etwas gemacht, das der Frau nicht gepaßt hat. Weil der Vierbeiner mit dem Kopf in die Gegenrichtung gestanden ist, hat die Frau diesen mit ihrer Sprühflasche nicht erreicht. Deshalb hat sie das Weibi zu sich gerufen und dann besprüht. Mit einem Wort: sie hat die Hündin, die dem Rufen gefolgt ist, für deren Gehorsam bestraft.

Vermutlich ist mir diesmal der Hl. Franz von Assisi beigestanden, daß ich gelassen geblieben bin. Es ist mir gelungen meine Worte so zu wählen, daß die Hundebesitzerin die Absurdität ihres Tuns selbst erkannt hat. Danke Franzl!

© Hedwig Kromer 21.09.2019