Als aus zu viel Nähe, große Distanz wurde

Es war ein Morgen, wie all die anderen. Die selben vertrauten Menschen, die genau vorgegebenen Arbeitsabläufe, fast schon Rituale, von denen man glaubte, es wären die eigenen. Ja sogar die Abhandlungen in der Pause waren genau definiert, das Verhalten unbewusst an die Anderen angepasst. Das Kaffee trinken, die gleichen Interpretationen, immer dasselbe Thema. Aber das war ja gerade das, was die Nähe und Vertrautheit ausmachte. Jeder Außenstehende, der nicht in diesen von uns vorgegebenen Rahmen passte, wurde sofort, wenn auch nicht immer bewusst, als fremd und störend angesehen, und somit auch dementsprechend behandelt. Natürlich, aus unserer Sicht, mit der größten Freundlichkeit und dem Entgegenkommen und Verständnis für einen Unwissenden.

Nur an diesem Morgen wurde diese Vertrautheit gestört. Das Thema war das Selbe, die Beteiligten auch. Nur die Situation, die sich aus diesem Thema ergab, holte mich aus dieser Vertrautheit heraus. Ich stand da und begriff: „Jetzt gehörst du nicht mehr dazu!“ Plötzlich war alles fremd, selbst das immer gleiche Thema. Ich spürte keine Nähe, kein Verständnis, keine Vertrautheit mehr, nur noch große Distanz.

Ich habe mich lange gefragt, wie es dazu kommen konnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, wie man sich anpasst und wie lange. Ebenso, inwieweit man das alles mitmachen will und kann. „Die Zeit heilt Wunden“ heißt es, mit den Narben musst du jedoch lernen zu leben. Für mich ist die Distanz geblieben, obwohl ein Teil dieser Zeit (voll von Anpassung und Gewohnheiten, mehr oder weniger unbewusst) auch ein Teil von mir geworden ist.

© Heidemarie Leitner