Bruno wo bist du?

Ziel war eigentlich Jamaika. Der Trip wurde aber kurzfristig abgesagt. Auf Karibik eingestimmt wurde uns von einer Reiseleiterin als Ersatz St. Lucia empfohlen. Also ging es mit dem Zug von Hallein nach Frankfurt und mit dem Flieger über Barbados nach St. Lucia. Bereits im Linienflieger gab´s Karibikfeeling pur und viel Platz.

In St. Lucia angekommen, wurden wir mit einem Hoteltaxi über die vom Hurrikan zerstörten Strassen in unser Domizil nach Gros Islet gebracht. Die Anlage war sehr schön und sehr Englisch. In der Heimat wurde vereinbart, dass uns vor Ort ein Betreuer zur Verfügung stehen wird.

Die Suche nach diesem Betreuer war allerdings bizarr. Sein Name war Bruno. Leider kannte niemand einen Bruno und so ging ich mehrere Tag zum Infopoint, wo immer wieder neue Gäste eintrafen, in der Hoffnung dort unseren Betreuer zu finden. Nach drei Tagen stand in der Ecke des Infopoints ein junger Einheimischer, denn scheinbar niemand kannte. Ich fragte in einfach, ob er Bruno kenne, da ich ja einen weissen Mann suchte. Der Mann machte grosse Augen und sagte: „Ich bin Bruno. Ich suche eine ältere Dame aus Österreich, die ist aber nicht da.“ Da standen wir nun mit unseren Vorurteilen. Für mich war Bruno ein Weisser und für Bruno eine Ehefrau mit Kind eine ältere Dame. Wir fingen beide zu Lachen an.

Die nächsten 4 Wochen mit Bruno stellten sich als genialer Glücksfall heraus. Bruno studierte in der Schweiz, aber das harte Leben in Europa hat ihm nicht gefallen. Er hat sich darauf spezialisiert den Gästen seine Insel zu zeigen, weit weg vom Tourismus und dies gefiel uns sehr. Am nächsten Tag besorgte er sofort ein Fahrzeug und ist mit uns Richtung Süden in den Dschungel gefahren. Die Leute haben uns überall herzlich aufgenommen und wir lernten die kreolische Küche zu schätzen, Rum inklusive. Bruno fuhr mit uns nach Soufrière und gemeinsam wanderten wir zu den stinkenden Schwefelquellen der Twin Pitons.

Ein echter Höhepunkt war der Besuch des gefährlichsten Fischerdorfes der Insel, das ohne Einheimische nicht betreten werden durfte. Von dort ging es dann mit dem Sklavenschiff, aus der Serie Roots, zurück nach Castries, wo Bruno schon wieder auf uns wartete.

Eine Einladung zum Opossum Essen – eine dortige Spezialität - haben wir dann doch dankend abgelehnt. Dafür haben wir uns der Tradition der wöchentlichen „Thank God It's Friday" Party angeschlossen. Hier wird der Hauptplatz in Gros Islet einfach in eine öffentliche Tanzfläche umgewandelt, wo aus riesigen Musikboxen beste karibianische Musik kommt. Hier lernte ich auch mit den besten Tanzlehrern Lambada zu tanzen.

Mit Zöpfchenfrisur in den Landesfarben weiss und schwarz, einer Riesenportion Lebensfreude und ein wenig Wehmut, unseren Bruno verlassen zu müssen, ging es nach fast 5 Wochen wieder Richtung Heimat.

Falls es hier doch einmal zu hektisch wird, schliesse ich meine Augen und nehme einfach „Auszeit mit Bruno“, Rum inklusive.

© Heidemarie Leitner