Bussi-Burli

Ich bin ein Stadtkind und in meiner Kindheit gab es den Status eines Haustieres sowie wir ihn heute kennen nicht. Schäferhunde waren dazu da, dass sie das Haus bewachten und Dackel spiegelten wohl den Charakter ihres Besitzers, indem sie meist grantig und bissig daherkamen. Meine Cousine bekam zu Ostern jedes Jahr ein paar Hasen, die dann, oh Schreck, im Herbst immer vom Fuchs geholt wurden.

Irgendwann Ende der 1960er ist dann mein Onkel neben seinen Fischen, die er regelmässig in der Badewanne zum Auswassern eingelagert hatte, auf den Vogel gekommen. Es waren ganz besondere Vögel – Wellensittiche ohne Flugschwanz. Für mich war das ja ein toller Zeitvertreib. Die armen Vögel, wohl genährt, konnten ja kaum Fliegen, im besten Fall grosse Hüpfer machen und so waren sie für uns Kinder ein lustiges und abwechslungsreiches Spielzeug. Meine Eltern davon zu überzeugen, dass diese Vögel doch so ein praktisches Haustier wären, weil sie ja de facto eh nur im Käfig waren und keinen Schaden in der Wohnung anrichten könnten, war nicht möglich.

Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, aber manchmal gibt’s auch so etwas wie ein Wunder. Dieses kam in der Gestalt meines Onkels daher. Kurz vor meinem 10. Geburtstag holte er mich ab und wir fuhren nach Niederalm in eine Siedlung. Dort gingen wir mit einem netten Herrn in den Keller. Dann sagte mein Onkel zu mir: „So jetzt kannst du dir einen Vogel aussuchen!“ In diesem Moment machte der nette Herr eine Schublade auf und da waren viele kleine Wellensittiche drinnen. Im ersten Moment konnte ich gar nicht fassen, was da passierte. Aber sogleich sah mich ein kleiner frecher blauer Vogel an – es war Liebe auf den ersten Blick. Der nette Herr steckte dieses Vögelchen in eine Schachtel und drückte mir diese in die Hand.

„So jetzt fahren wir Heim“, sagte mein Onkel. Mir wurde kurz schlecht, das geht doch nicht, schoss es mir durch den Kopf. Ich darf ja gar kein Haustier haben. Mein Onkel hatte auch einen Käfig besorgt und so stand ich mit Käfig, Vogelschachtel und Bauchweh vor unserer Wohnungstür. Mit den Worten: „Griaß euch, des brave Dirndl hat sie a gscheit´s Gschenk verdient“, betrat mein Onkel die Wohnung. Ich stellte den Käfig auf den Tisch und öffnete die Schachtel. Der Vogel roch Freiheit, sauste durch unsere Wohnküche und landete auf dem Brillengestell meines Papas und pickte ihm in die Stirn. „Das ist ja der Tiger von Eschnapur“, gab mein Papa lauthals von sich und strich mit der Hand den Vogel von seinem Kopf. Mein Onkel fing den kleinen Sittich ein und setzte ihn in den Käfig.

Das Geburtstagsgeschenk durfte ich behalten. Ich lernte meinen Vogel viele tolle akrobatische Kunststücke und das sprechen. Obwohl eigentlich nur die Wortfolge: „Bussi, Heidi-Schatzi, Bussi-Burli“. Nach fünf tollen Jahren, ist er dann verstorben. Ich habe ihn in meine beste Puppenschachtel gelegt und in unserem Garten beigesetzt. Eine schöne blaue Feder habe ich immer noch von meinem Bussi-Burli.

© Heidemarie Leitner