Dem Tod sein Garten

Als ich vier Jahre alt war zogen wir auf die andere Seite der Salzach und so wohnte ich von da an zwischen Salzach und Friedhof. Mir machte das gar nichts aus. War ich doch gewohnt mit meiner Oma einmal die Woche ihre Friedhofsrunden mit zugehen - vormittags Hallein und Dürrnberg, nachmittags Oberalm und Puch, um die ganze grosse Verwandtschaft zu besuchen.

Meiner Mama hat die Lage nicht sehr gut getan, zumindest hat sie anfangs bei jedem Begräbnis, das sie vom Fenster aus beobachtet hat, zu weinen begonnen. Damals waren ja die Begräbnisse noch sehr theatralisch gestaltet mit Abschiedsmusik und Trauerliedern und vielen Menschen und das zweimal pro Tag.

Ich fand da ja die Sammlung von den Sterbebildern meiner Oma sehr spannend. Das waren bestimmt mehrere hundert Stück, die sie sorgfältig sortiert in ihrer alten schwarzen Lederbügeltasche immer mitführte. Gelegentlich zog sie bei einer Rast und einer Brise Schnupftabak ein Bildchen hervor und erzählte uns von der verstorbenen Person.

Mit meiner anderen Oma bin ich am Dürrnberg öfter noch zu einer Hausaufbahrung mitgegangen. Das fand ich als Kind auch sehr spannend und so war Tod und Friedhof durchaus etwas Vertrautes für mich und keineswegs ein Ort, den man lieber meiden sollte.

In meiner Kindheit gab es viele Kriegswitwen, die sozusagen, den ganzen Tag am Friedhof verbrachten, mit Jause und Handarbeiten und vor allem haben sie darauf geachtet, dass die Sitten am Friedhof eingehalten wurden. Mein Schulweg führte ausserhalb entlang des Friedhofs, aber es war ja viel spannender durch den Friedhof zu gehen und gleichgesinnte Schulkollegen zu treffen. Wer weis, was für unheimliche Dinge wir dann den Kindern zu erzählen hatten, die nicht soviel Kontakt zum Friedhof hatten.

Spannend waren auch die Geschichten vom alten Totengräber am Dürrnberg der zugleich Sargtischler war und uns genau erzählte, warum immer ein Glöckchen am Zeh des Verstorbenen angebracht sein muss. Zu gerne hätte uns da hie und da ein kleines Teufelchen gerne so ein Glöckchen läuten lassen, aber dazu kam es nicht. So blieb es bei den kleinen Vergehen, wie etwa das Lesen der Namen auf den Grabsteinen und das Gelächter, wenn uns die Namen sehr komisch vorkamen oder wir spielten auch schon mal Verstecken oder Fangen zwischen den Gräbern, natürlich ohne Wissen der Eltern.

Sehr traurig wurde es, als der Vater eines Schulfreundes, der auch Totengräber war, plötzlich verstarb. Von da an haben wir dann nicht mehr am Friedhof unsere Freizeit verbracht. Vielleicht war der Tod durch dieses unerwartete Ereignis doch zu nahe in unser Kinderleben getreten. Wir hatten keine Angst vor ihm, aber seiner Einladung zum Spielen in seinem Garten, wollten wir nicht mehr folgen.

© Heidemarie Leitner