Der Ernst des Lebens

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Der Ernst des Lebens | story.one

In den 1960er Jahren begann für viele Kinder erst mit dem Schuleintritt der Ernst des Lebens. Viele Mütter waren ausschliesslich Hausfrauen und hatten meist eine kleine Grossfamilie mit 3-4 Kindern zu versorgen. Den Kindergarten kannte ich nur von Erzählungen zweier Nachbarskinder, die im Betriebskindergarten der Halleiner Papierfabrik und im Schwesternkindergarten untergebracht waren. Als mein Halbtagsbruder in den Kindergarten kam, dachte sich meine Mama, dass es keine schlechte Idee wäre,wenn auch ich das letzte Jahr vor Schulbeginn den Kindergarten besuchen würde. Also wurden wir bei der Schwester Oberin vorstellig und nach einem kurzen hinein schnuppern wusste ich sofort, dass dies nichts für mich ist und ich habe mich auch durchgesetzt.

Den Schulreifetest habe ich mit Bravour bestanden. Im August durfte ich mit meiner Oma und meiner Mama zum hiesigen Korb- und Lederwarengeschäft um mir eine Schultasche auszusuchen. Ich wollte selbstverständlich eine blaue Lederschultasche, aber diesmal konnte ich nicht mal meine Oma davon überzeugen und so wurde es eben eine dunkelrote. Das Federpenal und die Heftmappe gab´s vom Papierwarenfachgeschäft, ebenfalls dunkelrot und mit einem kleinen Bambi drauf. Zumindest der Handarbeitskoffer war nach meinen Geschmack – schwarz mit kleinen bunten Blumen – so ein wenig Hippiedesign.

Meine Mama begleitete mich am ersten Schultag. Sie war mehr aufgeregt als ich. Es war ein schöner Herbsttag und so konnte ich nochmals mein geliebtes grünes Sommerkleid mit den tollen weissen Schuhen mit grosser Schnalle und Stöckelabsatz anziehen. Die weisse Masche im Haar passte gar nicht dazu.

Am Vorplatz der Volksschule Hallein Burgfried waren Unmengen von Kindern und alle strömten in das Gebäude. Endlich hatten wir uns zur zugewiesenen Klasse durchgekämpft und warum auch immer, war noch ein Platz in der ersten Reihe frei. Ich wusste es schon, aber als ich da drinnen sass mit 29 anderen Mädchen wurde mir kurz schlecht. Dann kam die Lehrerin – eine ältere Dame und dann wurde auch meiner Mama kurz anders zumute. Diese Lehrerin hatte sie schon in der Schule.

Es war ein kurzes Gastspiel und auf den nächsten Tag freute ich mich gar nicht. Aber ich hatte Glück. Es gab viel zu viele Kinder in diesem Schuljahr und so mussten sie noch eine weitere Klasse aufmachen. Die alte Lehrerin mit ihren menschenverachtenden Ansichten aus einer dunklen Zeit hat mich selbstverständlich auserwählt und aus ihrer Klasse geschmissen. Ich fand mich in einer Klasse von Kindern, die irgendwie kein anderer haben wollte.

Eine Superklasse mit 21 Buben und 9 Mädchen und einem Lehrer, der obwohl früh verstorben, für viele von uns immer noch der Beste ist. Meine Mama verkraftete das nicht so gut und wurde beim Direktor vorstellig. Ich hätte auch wieder in eine andere Klasse gehen können, aber mit diesen tollen Schulkameraden und dem netten Lehrer begann für mich nicht der Ernst des Lebens, sondern die Freude des Lernens.

© Heidemarie Leitner 29.08.2019