Der verzauberte See

Im Jahr 1973 sind bei meinem Papa endgültig die Berggene hervorgetreten. Unsere Freizeitaktivitäten verliefen ja immer im Umfeld mit grosser Verwandtschaft und so kam es auch, dass Fritz, der Mann meiner Cousine eines Tages von seinem beeindruckenden Schulausflug Ende der 1940 Jahre ins Hagengebirge berichtete und dazu ein Foto zeigte, wo er und seine Klassenkameraden auf einem grossen Felsen mitten in einem Bergsee sassen. Die beiden Väter fassten den Entschluss mit ihren Familien dieses Abenteuer zu bestreiten und besorgten sich Wanderkarte und Filmmaterial, um alles zu dokumentieren. Meine Mama kaufte für sich und mich neue blaue Turnschuhe, da sie dies eher als eine sportliche Herausforderung einschätzte. Am 9. September, es war ein sehr heisser Tag, fuhren wir (4 Erwachsene und 5 Kinder) morgens ins Bluntautal. Ausgerüstet mit genug Proviant und vor allem unseren Badesachen. Ostwärts des Baches ging es erstmals gemütlich voran. Die Väter an der Spitze, blieben aber immer wieder für ein Foto stehen, um alles genau zu dokumentieren, die Kinder im Gänsemarsch hinter drein und das Schlusslicht machten die Mütter. Es dauerte nicht lange und dann ging es ziemlich steil bergan. Immer wieder blickten wir durch das Dickicht Richtung Salzachtal hinaus. Der Steig wurde immer schlechter, kurze Trinkpausen und ein paar Rosinen halfen uns dabei den steilen alten Holztreppelweg zu meistern. Jammern war nicht drin, den Fritz mit seinem rustikalen Charme meinte nur: „das haben schon grössere Rindviecher geschafft!“ Bei der letzten Kreuzung hat uns Mädels der Ehrgeiz gepackt. Mit Erlaubnis der Väter durften wir vorausgehen, die letzten 100m hoch und rein in den See. Wir hatten ja vorsichtshalber zuhause schon den Bikini drunter angezogen. Wir liefen über die Kuppe – kein See – nur Gras und eine alte verfallene Almhütte. In unserem ersten Schock drehten wir uns um und riefen hinunter: „wir haben uns vergangen, das ist der falsche Weg, da ist kein See!“ Unseren Worten wurde kein Glauben geschenkt. Aber da standen wir nun alle auf der Kuppe und blickten völlig erschöpft hinunter in die Grasmulde und konnten es nicht fassen. Ich habe Fritz nie mehr so kreidebleich gesehen. Was war nun mit seinem See und vor allem seinem Versprechen, dass wir hier etwas ganz Besonderes vorfinden werden? Die Väter beschlossen, dass wir uns zur Almhütte setzen und dort zunächst unseren Proviant einnehmen sollten. Beim Durchqueren der Grasmulde haben wir dann wenigstens richtig nasse Füsse gekriegt und den grossen Stein haben wir auch gefunden. Wir konnten uns allerdings nur davor stellen, denn der Felsen hatte schon gute 3,5 m Höhe. Wegen des langen Anstiegs und der Hitze haben wir dann doch einige Stunden am verzauberten See verbracht. Der 3-stündige Abstieg hat meiner Mama und mir noch richtig schöne Blasen beschert. Das letzte Foto von diesem Tag zeigt meine Mama und mich am Brückengeländer des Bluntaubaches – zwei völlig erschöpfte Badenixen.

© Heidemarie Leitner