Die gefährliche Jahreszeit

Ich liebe den Winter über alles und dass ich den Frühling für einen durchaus gefährlichen Gesellen halte, liegt vielleicht auch an meinem Opa. Montag war bei uns zu Hause „Waschtag“ und für mich „Opa-Tag“. Diese Montage nahm sich mein Opa immer für mich frei und sie waren voll von abenteuerlichen Erlebnissen und Begegnungen mit weitläufiger Verwandtschaft und vor allem gespickt mit den unzähligen Weisheiten meines Opas.

Sobald die Sonne das erste Grün auf den Wiesen unter der Schneedecke hervor blinzeln liess, machte mein Opa ein nachdenkliches Gesicht und sagte: „Kinder, jetzt beginnt wieder die gefährliche Jahreszeit!“ Inwieweit die Metaphern meines Opas aus seinem eigen Leben mit zwei Weltkriegen herrührten, oder er diese Geschichten selbst erzählt bekam, ist mir unbekannt. Im Laufe der Zeit wusste ich schon, was da jetzt kommen würde und trotzdem, konnte er mich immer wieder aufs neue überraschen.

Ich ging noch nicht zur Schule und der erste Montag Ausflug in dieser gefährlichen Jahreszeit führte uns diesmal in Richtung Gamperlacke. Ein alter Seitenarm der Salzach und mit Überresten der Verbauungen des ehemaligen Holzrechens, wo es Tümpel, Steine und Moos gab, verzauberte mich dort bei jedem Besuch wieder in eine fremde Märchenwelt. Am Vormittag finden sich ab Februar auch hier schon für ein paar Stunden Sonnenstrahlen ein, die den Auboden aufwecken und dieser in unzähliger Pracht Frühlingsboten hervorbringt. Dennoch ist der Kampf des Winters hier noch deutlich zu spüren, wenn die Eisschollen am Wasser im Wind laut klirren. So betrachtet war es ja der ideale Ort, um dem Geheimnis der gefährlichen Jahreszeit auf die Spur zu kommen.

Am Eingang des kleinen Waldweges blieb mein Opa stehen, streckte die Hand nach hinten, um mich anzuhalten und sagte: „Psst! Pass auf, jetzt wird es sehr gefährlich. Siehst du die kleinen grünen Spitzen im Boden?“ Ich schaute, gut versteckt hinter den Beinen meines Opas, an der Seite angestrengt hervor und natürlich entdeckte ich dieses scheinbar gefährliche Grün. „Hier schiesst also bereits das Gras aus dem Boden, also Vorsicht!“ sagte mein Opa leise und während ich so konzentriert auf den Boden starrte und in meinem Kopf die Phantasie ob des schiessenden Grases angeregt wurde, stoss mich auch schon ein Ast der nebenstehenden Weide zur Seite. Ich schrie auf und mein Opa begann spitzbübisch zu lachen und sagte: „Siehst du und die Bäume schlagen auch schon aus – sehr gefährlich“. Wahrscheinlich war ich in diesem Moment genau so grün wie die Frühlingsboten, oder weiss, wie die karge Schneedecke in der Au und so nahm mich mein Opa liebevoll in seine Arme und gab mir das Gefühl unendlicher Geborgenheit in einer so gefährlichen Welt.

Ab diesem Zeitpunkt, wusste ich ganz genau, dass mein Opa keine Lügengeschichten erzählt, denn ich habe es selbst erlebt, wie gefährlich die Bäume im Frühling sein können und das mit dem schiessenden Gras wollte ich dann gar nicht mehr selbst erleben.

© Heidemarie Leitner