Glücksgefühl - Fliegenfischen

Meine Kindheit verbrachte ich vorwiegend am und im Wasser. Ich bin zwar an der Salzach aufgewachsen, aber das Fischer-Gen habe ich wohl mütterlicherseits geerbt. Grossvater, Onkeln, Cousins und alles, was da irgendwie männlich war fischte. Die weiblichen Familienmitglieder waren nur für die Kulinarik zuständig. Mein Papa hat gleich bemerkt, dass ich da aus der Reihe tanze. So hatte ich im Alter von 2,5 Jahren schon eine kleine Angelrute und fing voller Stolz Köderfische aus dem Mattsee. Es ist ja ein unglaubliches Gefühl, wenn der Stöpsel untergeht und mit einem Ruck – hast du dann einen Fisch am Haken. Mit der Zeit wurden aus den kleinen Köderfischen dann Rotaugen und später brachte mir Papa auch das Blinkern bei. Beim ersten Hecht hatte ich das Gefühl einen ganzen Wal an der Angel zu haben und als ich ihn an Land zog, war es dann doch eher ein kleines Krokodil.

Besonders beeindruckt hat mich aber das Fliegenfischen. Die Eleganz, der Körpereinsatz und bei mir kommt vor allem der Jagdinstinkt voll durch. Papa hatte natürlich eine Angel zum Fliegenfischen, aber er benutzte sie wenig. Da kam mir mein Cousin gerade recht. Ich beobachtete ihn stundenlang und eines Tages nahm ich die Angelrute und eine Fliege von Papas Fischerzeug. Ich ging ein paar Schritte in den Fluss hinein und versuchte die Fliege so elegant wie möglich übers Wasser schweben zu lassen. Mit dem Erfolg, dass ich samt der Angel elegant am Bauch im Wasser landete. Die Fliege war auch weg, wahrscheinlich am Stein abgeschossen und die Angelschnur gerissen. Wenn ich damals Düsenantrieb gehabt hätte, wäre ich heute im Weltall. Aber was sollte ich machen, ich packte meine Trümmer zusammen und ging nach Hause. Papa hat nur gelacht. Damit habe ich mich aber nicht abgefunden. Also hat er mir zunächst Fliegenfischen im Trockentraining beigebracht. Tausendmal auswerfen auf der Wiese. Irgendwann hatte ich diese Wurftechnik verinnerlicht und jetzt ging es an den Fluss. Blöderweise gibt es an den besten Fischstellen tolle Weidenbäume. Die beste Wurftechnik nützt nichts, wenn die Angelschnur dann wiederum von der Weide gefressen wird. Es dauerte schon den ganzen Sommer und ich hatte immer noch keinen Erfolg, dafür hatte ich aber einen gut trainierten Musculus biceps brachii.

Obwohl es schon ziemlich frisch war, begab ich mich nochmals ans Wasser und konzentrierte mich auf meine Wurftechnik und versuchte die Fische mit meiner Fliege anzulocken. Es dauerte nicht lange und der Kampf war eröffnet. Der Fisch war am Haken und tauchte ab, ich hinten nach, das Wasser ging mir schon bis zur Brust, der Fisch kämpfte, ich kurbelte und liess wieder locker und dann, er wurde müde und ich konnte ihn zu mir holen. Am Ufer nahm ich die Forelle in meine Hände, küsste sie sanft und legte sie wieder ins Wasser. Weg war sie und ich überglücklich. Auch heute führe ich ab und zu noch diese kleinen Kämpfe, die immer wieder mit einer grossen Portion Glücksgefühl belohnt werden.

© Heidemarie Leitner