Goldvogel

Meine Oma hatte eine Freundin, die mir nur als Madame Olga in Erinnerung ist. Sie war Prima Ballerina in der Zwischenkriegszeit und für mich eine sehr schillernde Persönlichkeit. Eine kleine Dame mit sehr bunter Kleidung, meist rot und Gold, immer mit Hut und Feder und ebenso viel Farbe im Gesicht. Ob diese Madame Olga meine Oma dahingehend beeinflusste, dass ich nicht, wie meine Eltern wollten, im örtlichen Trachtenverein landete, sondern die kleine Ballettschule in Hallein besuchen durfte, ist mir nicht bekannt.

Mein Ballettunterricht dürfte aber ausschlaggebend gewesen sein, dass ich von meiner Turnprofessorin für die Rolle als „Goldvogel“ beim bunten Abend der 20-Jahr-Feierlichkeiten des Bundesgymnasium Hallein in der Salzberghalle ausgewählt wurde. Ich war damals in der 1. Klasse und diese Schule bedeutete für mich Freiheit pur. Das Lebensmotto der 68-er zog sich durch alle Gänge in diesem Gebäude. Mit dieser Leichtigkeit nahm ich auch diese mir übertragende Verantwortung an. Auf der Bühne ein wenig Tanzen, was konnte es Schöneres geben? Es war auch sehr spannend bei den Proben dabei zu sein. Immerhin hatten die „Grossen“ ja allerlei für dieses Fest vorbereitet und so fühlte ich mich mitten drin in einer grossen Theaterwelt und wir hatten wirklich viel Spass bei den Proben.

Für Madame Olga hatte dieses Ereignis indirekt dazu geführt, dass sie sich in alten Zeiten wieder fand und den Tanz dieser kleinen Ballerina zu etwas Besonderem machen wollte. Also gab es Ballettunterricht in der kleinen Wohnstube bei meiner Oma. Ganz wichtig war, dass ich mit der Rolle eins wurde, sozusagen ich kein Kind mehr sein sollte, nein ein Vogel, ein eleganter, stolzer, schwebender Goldvogel, zumindest in der Vorstellung von Madame Olga. Wenn es meinem Opa bei den Proben zu viel wurde, bemerkte er so nebenbei, Richtung Madame Olga: „Ich verstehe gar nicht warum die immer so kleine Tänzerinnen nehmen, die dann auf der Zehenspitze stehen müssen, um was darzustellen.“ Aber er hielt durch, bis zum grossen Auftritt.

Madame Olga hat ihre Sache doch sehr gut gemacht, denn als ich erstmals die schöne goldene Maske, die meine Werkprofessorin für mich gemacht hat aufgesetzt habe, fühlte ich mich wirklich als Goldvogel und versuchte so elegant, wie nur möglich über die Bühne zu schweben. Am grossen Abend waren dann meine Eltern und Grosseltern sehr nervös. Ein Tisch in den vorderen Reihen. Mein Vater hatte vor lauter Sorge, dass ich von der Bühne fallen könnten, ganz vergessen, dass er mich fotografieren sollte. Der Vorhang ging auf, die Musik spielte, ich schwebte als tanzender Goldvogel über die Bühne und mit den Worten: „Ich bin der Goldvogel. Ich bringe den Sommer“ war mein grosser Auftritt auch schon wieder zu Ende. Für mich ein schönes Erlebnis und für Madame Olga, die jedes Detail von mir in allen Ausschmückungen erzählt bekam, ein grosses Stück Glück in ihren letzten Lebensjahren.

© Heidemarie Leitner