Hippie-Feeling

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Hippie-Feeling | story.one

In meiner Kindheit brachte unser Nachbarjunge das Hippiefeeling direkt zu mir nach Hause. Es war eine spannende und aufregende Zeit. Seine ganze Clique traf sich auf der Treppe vor unserem Haus und alle hörten die tolle neue Musik. Sie spielten Gitarre, hatten lange Haare, schöne bunte Kleider und manchmal rauchten sie komisch aussehende Zigaretten. An lauen Sommerabenden setzte ich mich manchmal dazu und sog diese freiheitsgetränkte Atmosphäre auf. Meine Mama hat mir nach langen betteln sogar einen „Super Maxi Hippierock“ aus einem alten Blumenstoff genäht. Dazu habe ich mir an meine Sandalen noch schöne Bänder angehäkelt, um „Sommerstiefel“ zu haben. Bunte Bänder in meinen langen blonden Haaren und selbst gemalte Tattoos auf Händen und Füssen machten mein Hippie Outfit perfekt. Völlig aus dem Häuschen war ich, als mir dieser Junge ein paar Singles für meinen Plattenspieler schenkte. Jetzt konnte ich jederzeit in meinem Zimmer liegen, Musik auflegen und von Freiheit und Liebe träumen.

Das Gefühl von damals und die Freiheit sind mir geblieben und als meine Enkeltochter im Kasten ein paar Hippie Utensilien von mir gefunden hat und ich ihr dann noch über diese Zeit erzählt habe und wir Musikvideos auf YouTube geschaut haben, konnte ich nicht anders. „Im Sommer mache ich für euch (Enkeltochter und – Enkelsohn) ein Hippiefest!“

Ich habe dann alles hervorgeholt, was ich so hatte: alte Lampions mit Christbaumkerzen, eine Flasche mit Tropfkerze, Original 70er Vorhangstoff in Orange, alte T-Shirts und viel selbst gemachter Schmuck.

Im August war es dann soweit. Die Einladung an Freunde und Verwandte lautete: Hippiefest für grosse und kleine Blumenkinder, Sitzgelegenheit selber mitbringen, Lagerfeuer, Steckerl, Würste und Getränke sind bereit. Gefeiert wurde in unserer Ferienhütte am See. Mein Mann und ich haben die alten Musikkassetten mitgenommen und zur Vorsicht einen USB-Stick. Der kam dann auch wegen Bandsalats zum rühmlichen Einsatz. Der Tisch wurde aus zwei Holzschragen mit einer Bauplatte gebaut, darüber der alte Vorhang. Blumen frisch von der Wiese, Kerzen und Räucherstäbchen. Lampions mit Wäscheklammern auf der Leine befestigt. Alte Spitzenvorhänge über die Sitzkissen für die Kinder gelegt und natürlich für uns alle Hippie Outfit. Kinder mit Glitzertattoos und Stirnsternen. Nach und nach kamen die Gäste und alle waren sofort in bester Hippiestimmung. Die Musik von damals rief tolle Erinnerungen wach und auch ein echter „Althippie“ gesellte sich zu uns und bemerkte lautstark „Wie blöd war ich all die Jahre nur noch Scheissmusik zu hören und nicht die Doors!“ Den Kindern gefiel es prächtig und kurz vor Mitternacht, doch schon etwas von den Getränken gezeichnet, fragte eine jüngere Bekannte in die Runde. „Was kann es schöneres geben als hier am Lagerfeuer mit einem guten Glas Wein?“

Worauf ich dann sofort in echter Hippiemanier antwortete: „Love, Love, Love!“

© Heidemarie Leitner 24.07.2019