Marseille – ein Traum zerplatzt

Viele spannende und skurrile Geschichten unseres Lehrers über seine Lieblingsstadt Marseille weckten bei uns Jugendlichen die Sehnsucht nach dieser unbekannten Schönheit und so führte unsere Abschlussreise dorthin. Die Erwartungen an diese Reise begründeten sich ausschliesslich auf den Erzählungen unseres Lehrers.

Voll Enthusiasmus ging die Reise am Abend in Hallein los. Die ganze Nacht wurde gefahren und im Morgengrauen zeigte sich uns der erste Blick auf die Côte d'Azur. In Monte Carlo gab es kleines Frühstück und in Nizza hatten wir kurz Zeit die Zehen ins Meer zu halten. Am Nachmittag erreichten wir unser Traumziel.

Eine etwas in die Jahre gekommene Jugendherberge mit Steinen an den grauen Bettdecken und keine gastfreundlichen Betreiber. Wir liessen uns nicht entmutigen und starteten am Abend sofort ins vermeintlich tolle Nachtleben. Ziel war eine alte Spelunke, irgendwo im alten Hafen. Der Eingang führte über Steinstufen hinab auf den Boden voller Sägespäne, wo ich nicht wissen wollte, was sich in den letzten hundert Jahren hier angesammelt hat. Die Bedienung erinnerte an alte Piratenfilme und das Bier kam in Gläsern mit doppelter Patina über den wurmigen Holztisch geschossen. Weibliche Angebote erfreuten unsere Burschen. Die Trinkfestigkeit unserer Partie leerte die Biervorräte der Spelunke und wir machten uns Richtung Bett auf.

Das karge Frühstück mit Weissbrot und Tee wurde mit den Worten unseres Lehrers „Wir besuchen jetzt den Grafen von Monte Christo!“ unterbrochen. Und so fanden wir uns wenig später auf Château d’If wieder. Ausser viel Wasser und finstere Löcher, gab´s nicht viel zu sehen. Führungen gab´s nur auf Französisch. Wir Schüler waren der französischen Sprache nicht mächtig und so konnten wir nur unsere Eindrücke mit der Romanerzählung verknüpfen.

Zurück an Land, hatte der Lehrer die tolle Idee, dass wir uns alleine im Hafen umsehen sollten. Klang ja sehr spannend und so gingen wir Richtung Altstadt, durch enge verwinkelte Gassen. Es gab interessante Einblicke und in der nächsten Gasse grosse Steine, die auf mich geworfen wurden. An der Hand meines Freundes und um mein Leben rennend, war in der nächsten Gasse der Spuk vorbei. Nach diesem Schock suchten wir uns den Weg aus der Altstadt raus, Richtung Hafen, um dort etwas zur Ruhe zu kommen.

So hatten wir uns die Traumstadt nicht vorgestellt. Es wirkte alles so fremd. Eigentlich gab es nur das Meer, hohe Mauern, Gestank und Leute, die uns als Eindringlinge betrachteten.

Wir machten uns auf, entlang der Küste zur Herberge. Mittlerweile war es schon dunkel. Eine Limousine fuhr langsam neben uns her und plötzlich ging die Autotür auf und mit einem Ruck wurde ich ins Auto gezogen. Mein Freund geistesgegenwärtig zog mich gleich wieder heraus und setzte zur Gegenwehr an. Mit Erfolg. Von den Ereignissen ziemlich gezeichnet kamen wir in der Herberge an, wo der Besitzer zufrieden lächelnd sagte: „Mademoiselle das ist Leben, das ist Marseille!“

© Heidemarie Leitner