Mein schönster Christbaum

In den 1960er Jahren hatte Weihnachten noch was geheimnisvolles und Süßigkeiten waren noch eine Kostbarkeit. Mein Papa kam wie jeden Tag am Abend von der Arbeit nach Hause. Diesmal hatte er aber nicht nur reichlich Schnee an Hut und Mantel, sondern auch ein großes Paket unterm Arm. Neugierig wie ich war, fasste ich es erstmals vorsichtig an. Meine Mutter nahm das relativ schwere Paket und stellte es auf den Boden in der Wohnküche. Ich umkreiste das in Weihnachtspapier eingewickelte Paket. Berührte es so mit den Fingern im vorbeigehen, damit es vielleicht niemand bemerkte. Meine Eltern sahen dem heimlichen Spiel mit einem Lächeln zu und dann sagte mein Papa: „Das ist mein Jubiläumspaket“. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ein Jubiläumspaket ist, sah meinen Papa aber wahrscheinlich mit den größten Kinderaugen der Welt an und sagte zugleich: „da sind bestimmt viele Süßigkeiten drinnen und die passen nicht alle auf unseren Christbaum.“ Natürlich in der Hoffnung, dass ich dieses Wunderpaket doch noch von innen zu sehen bekam. „Vielleicht sind ja ein paar Süßigkeiten zerbrochen und so nicht mehr für den Christbaum zu gebrauchen!“ merkte ich noch an. Mein Papa lachte. „Kann schon sein, vielleicht sollten wir mal rein schauen?“

Meine Kinderhände waren sofort am Packerl und lösten mehr oder weniger vorsichtig das Weihnachtspapier herunter. Der Duft, der mir beim Öffnen entgegenkam, er konnte nur himmlisch sein. Zum Vorschein kam aller feinste Konditorware aus Papas Schokoladenfabrik. Ich fand Pralinen, Windringe in allen Farben mit Zuckerperlen, Kokosstangerl in braun, rot, weiß und gelb, wunderschönen Baumbehang aus Schokolade in Glanzpapier mit Engelmotiven und Spielzeugmotiven, Likörfläschchen mit Fruchtfüllung und hohen Geist für die Erwachsenen und vieles mehr. Ich räumte alles aus und sortierte das himmlische Zeug nach meinen Vorlieben auf den Tisch. Der war eigentlich zu klein dafür, aber immerhin war ja bald Weihnachten, da durfte schon mal Süßes nicht nur von den Glocken klingen, wie im Lied. Ein wenig durfte ich nehmen und kosten, dass andere wurde wieder in die Schachtel gepackt und zugemacht.

Mit den Worten: „das braucht das Christkind“, nahm mein Papa das Paket und stellte es im Wohnzimmer in die Ecke. Da stand das Paket verschlossen bis zum 24. am Morgen, dann wurde die Tür versperrt und am Abend als sie geöffnet wurde – ja, da stand er, der wohl schönste und zuckersüßeste Christbaum, denn es jemals in meinen Leben gegeben hat.

© Heidemarie Leitner