Mit der Gondelbahn ins Kurhaus

Heutzutage werden die Kinder mit dem Auto oder Bus zur Tagesbetreuung gebracht, wenn die Eltern ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Ich hatte aus heutiger Sicht einen besonderen Luxus, da mein Transportmittel eine Gondelbahn war und die Betreuung bei meinen Grosseltern im Kurhaus St. Josef am Dürrnberg, damals von den Schwestern der schmerzhaften Mutter betrieben, erfolgte.

Meine Oma nahm jeden Tag den beschwerlichen Weg mit der Gondel vom Dürrnberg nach Hallein, holte mich bei mir zu Hause ab und dann fuhren wir beide wieder mit der Gondel auf den Dürrnberg. Es war jeden Tag ein tolles Abenteuer, wenn uns der Seilbahnbedienstete mit seinem Schlüssel die Gondel aufschloß und ich schnell hinein hüpfen durfte. Dann musste ich aber still sitzen, denn schon bei der Ausfahrt aus der Talstation rumpelte es ordentlich über die Stützen und spätestens über dem Raingraben, wo es tief hinab ging, konnte einem schon der Atem stocken. Je nach Jahreszeit konnte ich herrliche Sonnenaufgänge erleben, aber auch Wind, Regen und Schneetreiben. Nur bei starkem Sturm fuhr die Gondel nicht.

Bei der Bergstation angekommen, konnte ich es kaum erwarten zum gegenüberliegenden Gartentor des Kurhauses zu laufen. Dieses Tor war etwas Besonderes für mich. Mit den Zehenspitzen am unteren Balken des Tors eingehakt und den kleinen Kinderschelm im Nacken, schaute ich übers Gartentor und grüsste die vorbeikommenden Gondelfahrer und freute mich darüber, dass sie den weiten Umweg über den Moserbauern zur Dorfmitte nehmen mussten, denn durch den Kurgarten durfte keiner gehen.

Aber zunächst ging es immer ins Kurhaus. Da wartete schon die „Kuchlschwester“. Die hatte mir jeden Tag einen warmen Kakao im rosa Porzellanhäferl auf den Tisch gestellt und ein Butterbrot. Ich rieche heute noch den herrlichen Duft. Meistens hatten meine Grosseltern als Hausmeisterehepaar viel zu tun und so durfte ich viel Zeit bei der Schwester Oberin meist in der Rezeption verbringen. Ganz toll fand ich den langen Spiegel an der Wand. Als Dreijährige war ich ja für die Gäste hinter der Rezeption nicht zu sehen, aber ich sah die Gäste im Spiegel und wenn die Schwester Oberin gerade mal nicht da war, begrüsste ich diese zu deren Erstauen mit einem lauten „Hallo“ und freute mich diebisch, wenn diese verdutzt herum schauten. Ein wenig wurde ich dafür schon von der Schwester Oberin gerügt, aber eigentlich durfte ich in diesem Hause mein Kind sein voll ausleben. Ich war ja eine grosse Hilfe. Ich konnte stempeln, auf den Stuhl steigen und die grossen Zimmerschlüssel aufhängen, schnell laufen wenn das Telefon läutete und die Schwester Oberin mit meinen Geschichten unterhalten.

Am Abend ging die Reise mit der Gondelbahn dann wieder nach Hallein. Diesmal mit meinem Opa. Der wusste immer schaurige Geschichten zu erzählen und je nach Witterung kam mir das ein oder andere mal schon ein mulmiges Gefühl, wenn die Gondel so über den Bäumen und tiefen Gräben schaukelte.

© Heidemarie Leitner