Nächtlicher Spuk

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Nächtlicher Spuk | story.one

Ich wohne direkt am Wald und da kommt das ganze Jahr hindurch allerlei Getier rund ums Haus und im Garten vorbei. Neben den vielen Katzen aus der Nachbarschaft und ein paar Abstecher von unserem Nachbarhund sind es vor allem Wildtiere, die uns die Ehre erteilen und ihre Spuren hinterlassen.

Da kommt es schon mal vor, dass ich mit voll bepacktem Wäschekorb mit dem Rücken an einen Rehbock stoße, oder seine ganze Familie uns beim Frühstücken durchs Stubenfenster zuschaut. Langweilig wird es nie und ab und zu auch etwas gruselig, wenn sich beim Garteln im Kräuterbeet, die ein oder andere kleine Ringelnatter zwischen meine Zehen schlängelt.

Nachts ist es besonders toll. Die Geräusche der Waldbewohner mit ihren vielfältigen Stimmen, oder der Flug der kleinen Fledermäuse bringt die Phantasie doch ins Wallen, wenn wir nur bei Kerzenlicht im Garten sitzen.

Es war ein gemütlicher Sommerabend und mein Mann und ich hatten uns kurz vor Mitternacht ins Bett begeben. Von der Ferne hörten wir, dass die Nachbarjugend ein wenig feiert. Kurz nachdem wir eingeschlafen sind, wurden wir durch ein Leuchten durchs Fenster und seltsame Geräusche geweckt. Schlaftrunken weckte ich meinen Mann und der meinte nur: „Lass die Jungen feiern, die machen sich nur ihren Spass.“ Auf einmal schellte unsere Hausglocke und gleich nochmals. Das war mir dann doch zu viel und ich stand auf und ging zur Haustür. „Was ist los?“ fragte ich mit lauter Stimme durch die Tür. „Küah sand auskema!“ Ich sperrte die Haustür auf und machte die Tür auf. Da sah ich nur große rot leuchtende Dinger und machte im ersten Schock die Tür gleich wieder zu.

Inzwischen war auch mein Mann da und das Licht in der Einfahrt hatte sich auch eingeschaltet. Beim Wiederöffnen der Türe stand jetzt ein junger Mann festlich gekleidet in Tracht neben mir und unmittelbar vor mir drei prächtige Kühe zwischen unseren Autos.

Ob es das helle Licht war, oder doch der Anblick mich im Nachthemd zu sehen, kann ich nicht sagen, aber die Kühe nahmen Reißaus, direkt in unseren Garten und dann hinters Haus Richtung Wald. Mein Mann zog sich gleich an und rannte den Kühen hinterher. Ich betrachtete das ganze dann doch lieber durchs Fenster. Da standen sie nun hinten im Wald mit ihren leuchtenden Augen. Nur der Vollmond zeigte ihre Silhouette im zarten Licht. Scheinbar hatten sie keine Lust, wieder Heimzugehen, denn sobald sich ihnen jemand näherte stießen sie laute Geräusche aus und versuchten durch den steilen Wald zu entkommen.

Nach zwei Stunden war für uns der nächtliche Spuk vorbei. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann zufällig von einer Hochzeit kam, und die Kühe mitten auf der Gemeindestraße unter unserem Anwesen standen. Der Besitzer, ein Nachbarbauer, war sichtlich erleichtert, als er seine Kühe zurück bekam. Eine der jungen Kühe, kannte offensichtlich den Trick, wie man die Türe des neuen Laufstalls öffnen kann und den Ruf von Abenteuer und Freiheit ist ja bekanntlich nicht zu widerstehen.

© Heidemarie Leitner 19.10.2019