Schneewasser bringt Holz für den Winter

Am Fluss zu wohnen hat viele schöne Seiten, manchmal auch gefährliche Stunden und Tage, aber bestimmt jeden Tag ein Abenteuer. In meiner Kindheit war die Salzach bei Hallein ja noch ein reißender Fluss. Ich habe direkt am Zellulose-Kanal gewohnt.

Die Salzach wurde hier durch eine kleine Insel mitten im Fluss getrennt. Im Winter fror auf unserer Seite des Flusses das Wasser nicht zu. Die Abwässer der Zellulose-Fabrik waren zu warm. Dafür dampfte das braune Wasser und mit dem Schnee und Eis und etwas Phantasie sah es wie ein riesiger Schokopudding mit Schlag aus. Der Geruch war nicht danach. Auf der anderen Seite der kleinen Insel konnte man tolle Eisschollen beobachten und jede Menge Möwen darauf, die sich bei jedem Stück Brot, das sie erhielten die wildesten Kämpfe lieferten.

Spannend wurde es für uns Kinder aber, wenn die Schneeschmelze im Frühjahr eintrat. Schon Tage zuvor wurde es in den Siedlungen links und rechts des Flusses geschäftig. Viele Männer jeglichen Alters trieben sich an den Ufern herum und schauten, stellten sich in kleine Gruppen zusammen, redeten leise und auch mal sehr laut. Umso höher das Wasser stieg, desto aufgeregter wurden die Männer. Jetzt kamen die ersten schon mit ihren langen Holzstangen, auf deren Enden Eisenhaken waren. Auch sogenannte „Krallen“ aus Wurzelholz mit Eisenbeschlägen und natürlich die Sapie, die zum besseren Herausziehen des Treibholzes nötig waren. Auch mein Opa war so ein Holzfischer. Er hat mir fast alles erlaubt, aber bei dieser Arbeit durfte ich nicht unter die Uferkante treten, zu gefährlich wäre es gewesen. Er musste ja seine ganz Konzentration auf das Holz richten und dazu kam der Wettkampf. Ganz archaisch ging es hier zu. Unsere Nachbarn waren drei Brüder, im besten Saft und perfekt eingespielt. Die sprangen auf die riesigen Baumstämme, die im wilden Wasser daher schossen. Mit den Stangen enterten sie die Baumstämme und zogen sie dann mit vereinten Manneskräften ans Ufer.

Es war ein unglaubliches Spektakel. Tosendes Wasser, Menschen, die eigentlich ihr Leben riskierten, um dem Fluss seine Gebirgsbeute abzuringen, um selber im Winter eine warme Stube zu haben. Nach ein zwei Tagen war das ganze Spektakel wieder vorbei. Mein Opa hat sich schon einiges Holz erfischt, das dann in der kleinen Holzhütte gesägt, gehackt und geschlichtet wurde.

Unsere Brüder aus der Nachbarschaft, die machten fette Beute. Dafür durften sie dann auch bis in den Spätsommer jeden Tag „Holz machen“.

© Heidemarie Leitner