Von Rauhnächten und Hausschlangen

Meine Oma hatte ihre Wohnung bergseitig direkt am Wald. Es war das erste Haus ausserhalb der nördlichen Stadtmauer von Hallein. Der Zugang zu ihrer Wohnung führte von der Bundesstrasse aus, hinauf durch eine Aussentreppe zur schweren Türe und über eine steile Treppe mit dicken Gemäuer in das eigentliche Untergeschoss, dass sich mit ein wenig Licht als grosser Raum mit vielen finsteren Ecken darbot.

Hier war auch der Wasserbrunnen und die Waschküche. Nach ein paar Schritten über den Steinboden kam man dann zur Holztreppe. Am oberen Ende zeigte sich ein schwacher Lichtstrahl, welcher sich durch die Hoftüre schwindelte, und dort befand sich die Wohnungstür meiner Oma.

Da das elektrische Licht im Treppenhaus hier meist nicht funktionierte, kam es Sommer und Winter einer Mutprobe gleich, hier als Kind durch dieses finstere Gemäuer hinaufzusteigen. Hier wurde die Phantasie beflügelt und all die schaurigen Gestalten, von der meine Oma in ihren Geschichten erzählte, wurden fast real.

Besonders im Winter, wenn wir Kinder um den warmen Ofen sassen, hatte meine Oma, ein alte Frau mit Kopftuch und sehr langen schlanken knöchrigen Fingern, besonders schaurige Geschichten im Repertoire. In den Rauhnächten erzählte sie von der Wilden Jagd um den Untersberg und der Frau Percht am Dürrnberg. Wenn es allzu schaurig und spannend wurde, hielt sie kurz inne und sagte: „Jetzt hör ich auf, ich hab selber schon Angst“. Das ging natürlich gar nicht. Wir bettelten, eng aneinander gekauert, dass sie doch noch weiter erzählen solle und hofften auf ein gutes Ende.

Am meisten Angst hatten wir vorm 13. Mann, das war nämlich der Teufel, der sich zu Tisch gesellte, wenn man in der Rauhnacht Karten spielte und er spielte natürlich um die Seelen der armen Männer mit.

Bedrohlich wurde die Situation für uns Kinder, wenn wir auf Klo mussten. Dieses befand sich nicht innerhalb der Wohnung, sondern am Gang. Rechts davon ging es durch die Tür in den Hof und den angrenzenden Wald, wo der Wind immer sein Lied sang und links führte die steile Treppe ins Untergeschoss. Wir nahmen allen Mut zusammen und dennoch, gerade im Winter, zischten uns oft haarige Gestalten durch die Beine und hinterliessen selbst vor Schreck einen lauten Schrei. Aber so klein wir auch waren, wir waren stolze und mutige Kinder und hätten uns nie von einem Erwachsenen aufs Klo begleiten lassen.

Spannend war es auch im Sommer, denn im Schlafraum hinter den dicken Mauern, wohnte nach Auskunft meiner Oma, eine alte Hausschlange. Wir legten uns immer ins Bett, mit dem Kopf ganz nah an die Mauer – und dann warteten wir. Es wird wohl kein Zufall gewesen sein, dass wir das Kriechen der Schlange besonders gut hörten, wenn es draussen ein wenig stürmisch war. Aber das Gefühl, wenn du als Kind am Bett liegst und die Schlange sozusagen an deinem Kopf, nur getrennt durch eine Mauer, die ja bersten könnte, vorbei kriecht, ist unbeschreiblich gruselig.

© Heidemarie Leitner