DEM KRAMPERL SEIN KIND

Kramperl und Kracher waren zum Beginn der dunklen Jahreszeit das Spannendste für unseren kleinen Sohn. - Wohlgemerkt, das Thema "Krampus" hatte unser Bübchen schon im Vorjahr mächtig fasziniert, rausgekommen war eine für seine Verhältnisse "tolle" Krampusmaske: eine ausgediente Bauklötzetrommel, darauf eine selbstgemalte Höllenfratze, die unser Sohn ganz schön zum Fürchten fand - genau das Richtige für den Hausgebrauch, um Papa und Mama und vor allem die Schwester zu erschrecken. Heuer allerdings, mittlerweile sechs Jahre alt und Vorschüler, wollte er das volle Programm: eine " richtige" Maske mit Hörnern - dazu Fellkostüm, Kette, Rute, Rassel und langer Lederschwanz. Und vor allem: Er wollte sich damit unter die großen Kramperl beim Krampuslauf in der Salzburger Innenstadt mischen!

Eine leere Waschmitteltrommel wurde mit Augenschlitzen und einem schreckenerregenden Maul versehen, mit Fellresten überzogen, die Kinderjeans detto, ein Kunstfelloberteil war schnell gefunden. Nach einem Anruf im Schlachthof bekamen wir dort einen Nylonsack ausgehändigt. An den Hörnern waren noch Knochenstücke, und an den Haarbüscheln klebte eingetrocknetes Blut. Nach stundenlangem Kochen - wohlriechend ist anders - ließen sich die Hörner mit Zange und etwas Gewalt von den Stirnzapfen ziehen. Die Montage der Hörner war das Schwierigste, aber alles in allem sah unser kleiner Kramperl recht zum Fürchten aus, und er fühlte sich höllisch gut in seinem neuen Kramperlgwand. Dass er mit der Rute zuschlagen sollte, wollte unserem friedlichen kleinen Sohn nicht so recht einleuchten, er begnügte sich mit Kettenrasseln, um uns zu erschrecken. Das Warten war nicht leicht für ihn - aber dann endlich: Der große Tag!

Der Alte Markt war eine schneebedeckte Fläche, vor der sich die rauen Höllengestalten wie Scherenschnitte abzeichneten. Wir, der Rest der Familie, stellten uns ein wenig abseits und schauten unserem gehörnten Fellsohn zu, wie er sich mutig ins Getümmel wagte. Tapfer stapfte er in Richtung der furchterregenden Gesellen, die ihn turmhoch überragten. Aber dann geschah das Wunder: Drei der schrecklichen Gestalten gingen vor dem zarten Kramperl auf die Knie und redeten sanft und freundlich mit dem kleinen Kollegen. Was für ein Bild!

Als wir schließlich mit unserem zufriedenen Mini-Krampus durch die Judengasse Richtung Mozartplatz heimwärts gingen, hörten wir einen Buben sagen: "Schau, Mama, do kummt dem Kramperl sei Kind!"

Und weil's so spannend war, wollte das "Kramperl-Kind" am nächsten Tag nach der Schule das erregende Gefühl noch einmal auskosten. Und so sah man in den stillen Straßen der Vorstadt einen winzigen Krampus alleine seine Runde ziehen. Der Portier einer großen Salzburger Firma bat den kleinen Gesellen ins Haus und begleitete ihn durch alle Abteilungen. Dort durfte er die Leute erschrecken und wurde für seine Dienste reichlich entlohnt. Seine Rassel war voll mit Fünf- und Zehnschillingmünzen ...

© Heidi Breuss