Das Leben ist schön

Es war eine Zeit wie im Rausch. Fast jeden Tag eine neue Änderung. Das einzige was gewiss war, war die Ungewissheit.

Alles begann mit einem harmlosen Ultraschallbesuch wegen eines meiner Ansicht nach unbedeutenden Knotens. Kurz vor dem Urlaub bin ich deswegen ins Labor, meinen Liebsten beruhigen. Als ich das Labor verließ, war klar: Der Knoten ist kein verwachsenes Haar im Oberschenkel. Für lange Zeit war abgesehen von dieser Tatsache dann gar nichts mehr klar.

Zwei Tage später schon weitere Untersuchungen im Krankenhaus. Drei Tage später entschieden wir uns gegen die Abenteuerreise mit dem Zelt durch Frankreich. So ging das ungefähr 4 Wochen wie auf einer Rennstrecke im Galopp dahin.

Ich fühlte mich wie wenn mich jemand in eine Waschmaschine gesteckt hätte. Eigentlich fühlte ich gar nichts mehr. Alles ging so schnell. Das Leben verlor seine Kontur, wurde verschwommen und unklar.

Dieser Zustand war mir äußerst unsympathisch und so begann ich mich mit aller Kraft auf Wesentliches zu konzentrieren. Mein Fokus richtete sich derartig stark aufs Innenleben, dass ich so unwichtige Dinge, wie Schlagobers für Kaffee und Kuchen nach ein paar Minuten schon nicht mehr auf dem Schirm hatte. Dafür wurden viele andere Dinge glasklar.

Nach der Biopsie, die in Vollnarkose durchgeführt werden musste, drangen direkt nach dem Aufwachen, ich hatte die Augen noch geschlossen, italienische Fetzen an mein Ohr. Italien, Sonne … mein benebeltes Hirn reagierte intuitiv. Ein Gedanke schoss mir wir ein Kugelblitz durchs Hirn:

"Wir müssen ans Meer."

"Bist du wahnsinnig?" fragte mein Liebster. "Wer weiß? " Ich lachte. "Angenommen ich bin demnächst tot. Wie sehr würde ich mich ärgern mit euch nicht am Meer gewesen zu sein? Wie tieftraurig wäre es, hätte ich nicht jeden mir geschenkten Moment mit den Menschen , die mir am liebsten sind, ausgekostet?"

Der nächste Strich durch die Rechnung kam wieder aus heiterem Himmel. Plötzlich war eine Knochenmarkspunktion angesagt. "Fahr mit den Kindern voraus. Ich komme nach." Ich winkte. Als ich die Rücklichter sah, begann ich hemmungslos zu weinen. Aber es war gut so.

Ich kam nach und die Kinder umjubelten mich. Nur mein Jüngster rührte sich nicht vom Fleck. Er stand klein und lautlos am Bahnsteig.

Zur Feier des Tages gingen wir zum Mc Donald am Bahnhof. Während die anderen die Burger holten, saßen mein Jüngster und ich alleine am Tisch.

Da rückte er ganz nah zu mir, lehnte sich an mich und nahm zart meine Hand in die Seine. Wortlos saßen wir da und sagten uns alles. Die Zeit blieb stehen. Ein Zauber legt sich auf uns, verband trostspendend unsere Seelen. Diesen magischen Moment, diese Verbundenheit hatten wir schon mal gemeinsam erlebt. Direkt nach der Geburt als er frischgeboren neben mir lag und aller Schmerz vergessen war.

Kurze Zeit darauf ist klar: Ich habe die günstigste Krebsvariante, die man überhaupt haben kann. Wir alle atmen tief durch und ich beschließe jeden Moment zu genießen. Denn das Leben ist schön.

© Heidi Collon