Generalsanierung

Wie sehr ich inzwischen unserem alten Ford Mondeo ähnle, das ist mir in den letzten Tagen klar geworden. Seine Karosserie ist wirklich schon ziemlich ramponiert. Beulen, farblich deplatzierte Hintertür und Kratzer. Die Kupplung wird es nicht mehr lange machen. Aber er hält durch. Er wird weitermachen bis er kein Pickerl mehr kriegt. Braver Kerl - so wie ich.

Im Gegensatz zu ihm, bekomme ich gerade eine Generalsanierung. Ich gestehe: In ihn werden wir nicht weiter investieren. Armer Kerl ! Ich nehme an, dass er diesen Frühling Richtung Verschrottungsanstalt fahren wird. Ich nicht.

Das Leben ist nicht fair!

Ganz unkompliziert bekomme ich hier sämtliche Therapien, die mir gut tun. Ich kann sogar einige Untersuchungen machen, die ich so kaum in meinen vollen Alltag bekomme und die therapeutisch ins Konzept passen. Auch das ist eine Form der Entlastung. Jeden Abend bekomme ich mein Programm für den nächsten Tag. Ich muss nichts, nichts planen, niemanden versorgen. Kein Kochen, kein Putzen, keine Organisation. Eine einzigartige Situation, wie ich sie seit wenigstens 11 Jahren nicht mehr hatte. Jeden Abend stehen alle Schlange vor der Rezeption begierig wartend, was das Therapieprogramm wohl bringen mag. Ob der morgige Tag voll sein wird oder viel Freizeit bietet? Ob meine geliebten Heilmassagen wieder im Plan stehen werden? Weiterzudenken als bis zum nächsten Tag ist schwer möglich. -Und das ist gut so, gleichzeitig aber auch ein bisserl unpraktisch und irgendwie ungewohnt für einen erwachsenen, selbständigen Menschen.

Die Heilmassagen liebe ich. Ein Gedicht. Ich fühle mich jedes Mal wie eine Katze, der man den Schiefer aus der Pfote entfernt. Mein Therapieprogramm ist zwar recht voll, aber ich habe trotzdem mehr Zeit für mich als … wann hatte ich das letzte mal echt Zeit für mich? Im Speisesaal sitze ich an einem Tisch mit sehr netten Menschen. Wir lachen viel.

Neulich war ich mit meiner Zimmernachbarin bei der Fahrradergometrie. Mein Gott, was haben wir gelacht. Bei jedem Lacher ging mein Puls sofort hoch. Dieses Fahrradgerät vermindert dann automatisch den Widerstand, damit mein Puls nicht zu hoch wird. Am Ende fuhr ich mit minimalem Widerstand und bin gestrampelt wie eine Wilde. So hat meine Nachbarin doch glatt 20 Kalorien mehr verbraten als ich. Sie war mächtig stolz. Da haben wir noch mehr gelacht.

Losgelöst von den alltäglichen Rollen oder Funktionen nehme ich mich selber anders wahr und mir kommt vor, dass es den andern hier vielleicht ähnlich ergeht. Mir wird klar, dass ich nicht auf dem Niveau unseres Ford Mondeo bleiben möchte. Dafür werde ich manches in meinem Alltag verändern. Das habe ich zumindest vor.

© Heidi Collon