Instinkt

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Manchmal ist mir meine bemerkenswerte Begriffsstutzigkeit unsagbar peinlich. Dann wünsche ich mir die Erde möge sich auftun und mich gnädiger Weise verschlucken. Eines Tages jedoch begriff ich, dass diese Eigenschaft auch eine Gabe sein kann.

Ich lebte und arbeitete eine Zeit lang in Lyon. Eines Abends verbrachte ich mit zwei deutschen Freundinnen, die ebenfalls in Lyon lebten, den Abend in der Altstadt. Als es Zeit wurde nach Hause zu gehen, bat uns die eine, wir mögen sie doch bitte bis zur Bushaltestelle begleiten. Es war ihr anzusehen wie peinlich ihr diese Frage war, aber nun ja das letzte Mal seien da so komische Typen gewesen. "Kein Problem," meinten wir und fuhren mit ihr nach 'Gorge de loup' einer Bushaltestelle, die bezeichnender Weise Wolfskehle heißt.

Es war dunkel. Trotz der lauen Sommernacht fröstelte uns leicht als wir gemeinsam an der Bushaltestelle warteten. Niemand außer uns war da. Bis ein paar Jungs auftauchten. Sie umkreisten uns und die übliche Anmache begann. "Mädels macht euch locker," sagte ich in der Annahme, dass wir es hier wie üblich mit ein paar harmlosen, nervigen Typen zu tun hatten. "Tut einfach so, wie wenn ihr kein Wort französisch versteht." Bisher hatte diese Strategie noch immer funktioniert. "Ignoriert sie."

Weitere Typen tauchten auf. Es wurden mehr. Plötzlich merkte ich, dass die Stimmung kippte. Es lag etwas Ungutes zum Greifen in der Luft. Wie Eisenspäne sich auf einen Magneten ausrichten, formierten sich diese Typen um einen mit Gesichtsnarben verunstalteten Kerl. Er verströmte ein eiskaltes Feuer, eine Kraft, die auf die Anderen abzufärben schien und sie dadurch verwandelte.

Ich verstand jedes Wort, das gesprochen wurde. Mir wurde klar, dass wir hier weg mussten. Schnell. Meine Freundinnen saßen plötzlich da wie zwei kleine Mäuse, hypnotisiert von einer Klapperschlange. Wir müssen hier weg, war das Einzige, was ich begriff. Jetzt standen sie im geschlossenen Kreis um unsere Bank herum. "Ich zähle bis drei, dann stehen wir gleichzeitig auf und durchbrechen den Kreis," flüsterte ich. Automatisch nahmen wir uns an den Händen und gingen einfach frontal auf die Kerle zu. Wie eine Schiebetür traten diese zur Seite, wohl überrumpelt von unserem unerwarteten Verhalten.

Und dann rannten wir bis uns das Herz im Halse schlug . Rannten wie wir noch nie gerannt waren. Drehten uns um. Niemand folgte uns. Die vom orangenen Laternenlicht durchflutete Straße blieb menschenleer.

Erst als ich zu Hause war, begriff ich die möglich gewesene Tragweite dieser Situation, welchen meinen Freundinnen wohl von Anbeginn klar gewesen war . Erst in meinem Schlafzimmer, allein für mich, begann ich zu zittern.

Mein Instinkt in Kombination mit meiner Begriffsstutzigkeit ist Gold wert. Und deshalb beschließe ich immer weniger mich oder andere zu beurteilen. Denn wer weiß, wann die eine oder andere nervige Eigenschaft wieder mal von unschätzbarem Wert ist.

© Heidi Collon