Kehrtwende

  • 322

Wie immer meisterte mein Bruder das Wehr mit eleganter Technik. Er hatte es echt drauf! Er lenkte sein Kajak bis zur Wehrwange, tanzte dort kurz auf der Strömung, fand den optimalen Ort, um sich den Wehrrücken hinunterzustürzen und tauchte mit der Spitze des Kajaks ins Wasser ein.

Wir waren gemeinsam auf der Cèze unterwegs. Ich hatte mir das von meiner Familie zu meinem Abi gewünscht. Einmal noch wir alle gemeinsam: Zelten und Kajak fahren an einem der herrlichsten Orte, die ich kenne.

Die Sonne glitzerte vor mir im grünen Wasser. Mich packte Angst. Dort unten waren Felsen. Das wusste ich und zögerte. Wie nur sollte ich eine gute Abfahrt finden? Ich war eine echt lausige Tänzerin, zumindest auf dem Wasser. Wenn ich unsicher bin, komme ich auf die blödesten Ideen. Das ist noch heute so. Ich ergriff also einen Zweig, der in den Fluss hing, um, so hatte ich vor, in Ruhe meine Abfahrt zu planen. Mann oh Mann, was für eine glorreiche Idee. Die Strömung drehte natürlich mein Boot und so schaute ich sozusagen mit dem Hintern das Wehr hinab. Gar nicht gut!

Es ist ja interessant, was man so innerhalb von Sekunden denken und entscheiden kann. Die Erde drehte sich plötzlich in Zeitlupe. "Option 1: Rückwärts hinunter. Sehr gewagt," dachte ich. "Option 2: Mit einem Paddelschlag um 180 Grad gedreht und vorwärts runter. Wenn ich es nicht schaffe, kugle ich seitwärts das Wehr runter. Ganz schlecht. Trotzdem die beste Lösung," befand ich und machte eine Kehrtwendung. Ich rauschte hinab und die Spitze meines Kajaks tauchte ins Wasser. Ich schoss vorbei an den Felsen.

"Na, da bist du ja," begrüßte mich meine Familie und fuhr weiter. Von meiner peinlichen Schnapsidee erzählte ich lieber nichts.

Ein paar Tage später waren wir wieder unterwegs. Es hatte geregnet und der Wasserstand war hoch. Wir fuhren durch eine Stromschnelle, hoher Wellengang, reißende Strömung. "Oh Mann," dachte ich kurz, "wenn ich jetzt kentere, dann hab ich keine Ahnung wie das endet." Doch diesmal hatte ich meine Lektion gelernt. Kein Zögern, Gedanken und damit Panik weggeschoben, mit der Spitze des Kajaks die Wellen durchbrochen und volle Kraft voraus.

Mein aktuelles Ich, fährt kein Kajak mehr. Leider bin ich gar nicht mehr sportlich. Dafür lässt mir mein derzeitiges Leben keinen Raum. Doch in meinem Leben muss ich immer wieder mal ein metaphorisches Wehr hinabfahren oder eine wilde Stromschnelle meistern. Wenn's wild wird, ist vieles eine Einstellungssache. Ob ich nach einem vermeintlich rettenden Zweig greife oder den Fokus dorthin richte, wo ich sein möchte und volle Kraft voraus fahre, ohne Zögern und Angst. Und wenn ich dann mal wieder eine blöde Idee habe, weil ich doch unsicher werde, dann weiß ich:

Bis jetzt habe ich immer noch eine Kehrtwende hingekriegt.

© Heidi Collon