Those lazy, crazy days

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Those lazy, crazy days | story.one

Er war mein Idol -so lässig, so souverän, so weltgewandt - Onkel Wolfgang. Genaugenommen war er kein Onkel, sondern ein alter Freund meiner Eltern aus unbeschwerten Tagen.

Er besaß eine Villa, hoch über dem Isère-Tal mit atemberaubenden Blick. Er hatte eine hübsche Diva zur Frau und eine noch hübschere Tochter, die später Mannequin wurde. Es gab auch noch einen Sohn, der irgendwann auf Weltreise ging und wie ich hörte auf Abwege geriet. Das jedoch taten sie alle irgendwann. Dennoch bewunderte ich diese Menschen deren Leben mir leicht und voller Sonne schien.

Fast jedes Mal wenn wir im Süden Frankreichs unseren Urlaub verbrachten, machten wir einen Abstecher bei Onkel Wolfgang. Es gab dort köstliches Essen, einen Hängekorbsessel in dem ich mich zum Lesen zurückziehen konnte und viel französischen Rotwein für meine Eltern.

Eines Tages fuhren wir wieder einmal nach einem sonnendurchtränkten Urlaub bei ihm vorbei. Während meine Mutter mit uns Kinder einen Ausflug unternahm, fuhren Onkel Wolfgang und mein Vater in das Institut, in dem sie zum Zeitpunkt meiner Geburt gemeinsam arbeiteten. Die Beiden trafen dort alte Kollegen verflossener Tage. Es muss ein phänomenales Wiedersehen gewesen sein. Wenn ich mich recht entsinne, war es das Treffen bei dem auch die Computertastatur einen Schluck Whiskey abbekam. Als die Beiden in die Villa zurückkamen, fiel mir auf, wie ungewöhnlich ausgelassen und beschwingt mein Vater war. Sie kamen gerade noch rechtzeitig, um sich für die am Abend stattfindende Party zurechtzumachen. Natürlich hatten wir Kinder keine Ahnung was das für eine Party war und vor allem kannten wir die Leute dort kaum. Die Art wie sie meine Eltern begrüßten, lässt mich vermuten, dass auch sie gute, alte Freunde waren. Freundschaften, geschlossen vor langer Zeit in jungen Tagen. Oft wenn meine Eltern von dieser Zeit erzählten, schaute meine Mutter meinen Vater sehnsuchtsvoll an und seufzte:

"Wir haben das Paradies verlassen …."

Viel später erst erfuhr ich, dass meine Eltern jahrelang ein Konto in Frankreich behielten, um einen Fuß in der Tür zum Paradies zu behalten. Doch es blieb beim Traum und nie mehr ließen sie sich dauerhaft dort nieder.

An jenem Partyabend aber, war mein Vater wohl voll in seinem jungen Element. Er setzte sich ans Klavier und improvisierte ein Jazzstück nach dem anderen. "Du spielst doch gar nicht Klavier." staunte ich mit großen Augen. "Ich kann Akkordeon spielen. Da ist doch kein Unterschied," sagte er und klimperte weiter. "Aha," dachte ich und konnte es nicht fassen, dass er so souverän, so lässig und ja, weltgewandt war. Der Abend wurde lang. Ich zählte viele Glühwürmchen. Wahrscheinlich behielt meine Mutter, den Abend in anderer Weise in Erinnerung, denn irgendwann suchten alle meinen Vater, den wir schlafend im Garten fanden.

An diesem Abend war mir, als ob ich einen kurzen Blick in die Seele meines Vaters erhascht hätte, in der ich gleichzeitig das Spiegelbild meiner Mutter fand.

© Heidi Collon 12.08.2020