Ich weiß

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Ich weiß | story.one

Da sitzt sie, meine Mama, ganz alleine auf einer Parkbank im kalten Märzwetter. Ihren Rollator hat sie gleich neben ihr geparkt. Die Sonne lacht vom Himmel und dennoch herrscht ein eisiges Windchen das einem die Ohrenspitzen gefrieren lässt. Meine Mutter hat Haube und Schal vergessen und irgendwie wirkt sie etwas verloren. Als wäre sie in ihrer eigenen Welt. Den Kaffee hat sie über ihre Gehhilfe verschüttet.

Ich lächle sie an: ''Hallo Mutti!'' Sie antwortet als wäre ich schon ewig hier und gar nie weg gewesen:''Schau was passiert ist!"

Meine Mutti darf ihr Krankenzimmer nicht mehr alleine verlassen. Aber meine Mama ist eine Kämpferin, eine wie Xenia die sich von nichts und niemanden unterkriegen lässt.

So ist sie von der Station einfach abgehauen. Abgehauen um ihre Zigarette rauchen zu können. Ihr Glimmstängel der sie aufs Todesbett trägt. Der Rauch der ihr zum Verhängnis wurde und der nun mit unter der Grund ist, weshalb ich meine Mama verlieren werde. Sie wird den Kampf ums Überleben trotz aller Anstrengung verlieren. Trotz allen Wiederstands wird der Tod sie 4 Wochen später holen.

Ich setzte ihr meine Mütze auf und binde ihr meinen Schal um. Mein Schal so groß wie eine ganze Kuscheldecke, dürfte sie ein wenig wärmen.

''Besser?'' frage ich sie besorgt. ''Besser!'' anwortet Mama, immer noch irgendwo in ihren Gedanken verloren.

Aus dem Automaten in der anliegenden Abteilung hole ich ihr frischen Kaffee, denn sie liebt diesen Irish coffe.

Verzweifelt suche ich nach etwas Papier um ihren Rollator sauber zu machen. Leider ist diese Abteilung Wochenends nicht besetzt und somit sind auch die WC's abgeschlossen. Es stehen lediglich ein paar Rollstühle und der Kaffeautomat rum, ansonsten ist es hier absolut leer.

Um nicht in den zweiten Stock hochfahren und meine Mama weiterhin alleine auf ihren sonnigen Bänkchen sitzen lassen zu müssen, reiße ich einfach ein Stück Papier von einem Rollstuhl ab um damit die verschüttete braune Brühe von ihrem Rolli zu entfernen.

Still setzte ich mich neben sie. Wir hören den Vöglein beim zwitschern zu und schwiegen einige Zeit einfach so vor uns hin.

Ich habe Angst, Angst an die Zukunft zu denken, Angst auf das was da auf uns zu kommen wird. Angst vor den Verlust.

Leise und voll von Traurigkeit sagt meine Mama in diese vertraute Stille hinein:''Ich mag nicht mehr. Ich kann nicht mehr!''

Worte die mich tief bewegen, Worte die in mir die Tränen hervorlocken, diese Tränen die mich noch länger in nächster Zeit begleiten werden. Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung.

''Aber sag Papa nichts!"

Ich nehme sie so fest in den Arm als würde sie mir auf der stelle entgleiten. Gemeinsam voll von Angst und Schmerz, nichts gegen das Unheil machen zu können, starren wir in die Leere. Wir starren der Leere entgegen die in ein paar Wochen mein Leben bestimmen wird.

''Ich weiß.

Aber ich will dich noch nicht gehen lassen! Ich hab dich so lieb!"

Es ist das erste mal, dass ich meinen Tränen freien lauf lassen kann. Gemeinsam mit Mama

© Heidi_Sommer 11.04.2019