Da war er plötzlich ein ganz fremder Mann

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Da war er plötzlich ein ganz fremder Mann | story.one

Ich war seit einer Woche stolze Besitzerin eines Führerscheins. Meine erste Ausfahrt unternahm ich mit unserem Peugeot 404, einem robusten und eher wuchtigen Fahrzeug. Ich fuhr in die nahe Bezirksstadt zum Steuerberater, um die Buchhaltung abzugeben. Nachdem ich meine Unterlagen im Büro abgegeben hatte, eilte ich im Laufschritt und frisch frisierten Hauptes auf den Parkplatz zurück.. Als ich am Parkplatz anlangte, nieselte es. Auf der linken Seite meines Autos hatte ich freie Sicht, rechts neben meinem Auto stand ein Wagen, dem ich keinerlei Beachtung schenkte. Der Motor sprang sofort an. Ich fuhr einen Meter gerade zurück und drehte dann schwungvoll unter Zuhilfenahme des Gaspedals das Lenkrad nach links. Und ich kurbelte und kurbelte...es knirschte verdächtig. Doch ich vergaß vollkommen, mich auch um die andere Seite zu kümmern. Es ist auch viel, was von einem Fahrer verlangt wird. Er soll darauf achten ob der Rückspiegel richtig eingestellt ist und ob es die Seitenspiegel ebenfalls sind; Ob der Gurt angelegt ist und so weiter.

Auf meinen Fehler wurde ich aufmerksam, als ich aus den Augenwinkeln eine hüpfende Männergestalt bemerkte, dessen weitaufgerissene Augen mir irgendwie seltsam vorkamen. Der Regen war mittlerweile stärker geworden und meine Frisur hatte Schaden genommen. Deshalb genügte meinerseits ein kurzer Blick auf den Schaden, den ich angerichtet hatte.

Ich dachte, mit der Übergabe der Versicherungsunterlagen sei die Sache abgetan, und der geschädigte Fahrer würde nie wieder meinen Weg kreuzen.

War ein Irrtum!

Meinem Mann musste ich die Feindberührung beichten, da an unserem Auto der rechte Scheinwerfer plus ein wenig Blech rundherum, eingedrückt waren. Ich untertrieb das Unfallgeschehen schamlos, faselte von strömendem Regen, der jegliche Sicht verhindert hätte und versicherte, dass beiderseitig nur ein kleiner Sachschaden sei. Eine Sache der Versicherung. Kein Grund für Aufregung!

Doch das Schicksal schlug mit voller Wucht zu. Kurze Zeit später fuhr der Geschädigte mit seinem schwer havarierten Fahrzeug vor unserem Geschäft vor.

Ich ahnte, dass er nicht als Kunde kam.

Er wollte mit dem Peugeot-Besitzer die Tragik des Geschehens - von Mann zu Mann - besprechen. Von der Fahrertüre bis zum Beginn des Kofferraumes war das Blech eingedrückt und hatte hässliche Schrammen an seinem brandneuen roten Auto hinterlassen. Es war bei weitem nicht so robust wie unser alter Peugeot.

Der ganze Mann drückte Schmerz aus.

Nach langem Gesprächs und eindeutigen Gesten, verließ uns der Mann, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das tat anschließend mein Mann. Lange, wortlos und ausgiebig!

Mein Schatz und ich haben Kinder in die Welt gesetzt, haben Vieles unbeschadet überstanden, uns bei Beerdigungen gegenseitig getröstet und uns in kranken und gesunden Zeiten beigestanden. Dann kurbelt man einmal falsch am Lenkrad und beschädigt ein wenig das Auto, schon ist er ein plötzlich ganz anderer Mann!

© Heidrun Siebenhofer 21.11.2019