Die Wunderdiät

Vor einigen Tagen traf ich in der Fußgängerzone meine ehemalige Schulkollegin Karin. Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das fast zu groß für sie wirkte. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen, umso lebhafter fiel unsere Begrüßung aus und auch mein Erstaunen über ihr Aussehen.

"Wow! Du bist schlank geworden. Hast du eine Wunderdiät gemacht?"

Karin lachte: " Keine Diät gemacht. Etwas völlig Neues!"

Ich wollte es jetzt genau wissen und bat sie, mir Näheres darüber zu erzählen.. Wir suchten das nächste Cafe auf und bestellten zwei Campari orange. Als die Gläser vor uns standen, begann Karin zu erzählen. " Ich fasste den Entschluss in ein Studio zu gehen, welches eine Kombination von Bewegung und Meditation anbot."

"Davon kann man abnehmen?" Neugietig betrachtete ich den Mann am Nebentisch, auf dessen Nacken sehr viele, sehr schwarze Haare wuchsen. Er könnte meine Motivation sein,um auch etwas für das eigene Aussehen zu tun. Zwar schien der Fremde viel jünger als ich zu sein, doch der schwarze Oberlippenbart und die Potenz-Jeans, die sein Gesäß wie eine zweite Haut umspannte, waren mehr als geeignet, vom Gespräch abzuschweifen. Sein Blick klebte an meinem vollen Busen wie eine Strumpfhose in Neapel im Hochsommer.

" Ich ging voll Elan in dieses Studio"' begann Karin. "Bei der Anmeldung saß eine Frau - Typ Heidi Klum - jedoch mit einem chinesischen Gesicht."

" Was kann ich mir darunter vorstellen?"

" Süßsauer!" gab Karin trocken zur Antwort.

" Weiter bitte. Das klingt gut!"

" Fragt mich die Bohnenstange doch glatt: " Wen möchten Sie anmelden?" Dabei hat sie durch mich hindurchgeschaut. So eine Frechheit. Danach wollte sie von mir wissen, ob ich Vorkenntnisse über Bewegung und Atemtechnik besitze."

" Natürlich", habe ich geantwortet. " Ich laufe täglich so schnell um unser Viertel, dass meinem Dackel schwindlig wird. Dabei atme ich, sonst würde ich es nicht schaffen. Reicht das?" Mein Tonfall war inzwischen leicht aggressiv geworden. "Dann musste ich mir ihren Vortrag über die Kraft der Atmung anhören. Sicher gibt es verschiedene Arten zu atmen, aber das konnte sich unmöglich auf mich bezeigen. Höchstens auf ältere Männer. Da weiß man ja nie, wann die Leidenschaft aufhört und das Asthma beginnt. Ich habe dann Meditation gebucht, um sozusagen auch dieses Genre kennenzulernen."

"Und?"

"Da habe ich mittendrin eine Stimme gehört, die sagte: " Liebe dich, so wie du bist! Das habe ich gemacht. Und die Pfunde schmolzen, wie du siehst."

Der Mannmit dem Oberlippenbart und dem tollen Gesäß stand auf und verließ das Kaffeehaus. Dadurch konnte ich endlich wieder normal atmen. Dreißig Minuten lang mit eingezogenem Bauch eine betont lässige Haltung einzunehmen, ist mehr als mühsam. Es grenzt an Akrobatik oder fast an Körperverletzung.

Jedenfalls habe ich für mich festgestellt, dass ein Kaffeehausbesuch in dieser Form auch eine Art von Bauchstraffung ist. Bestens geeignet für den Einstieg in ein neues Leben mit Selbstliebe.

© Heidrun Siebenhofer