Für Mutter- Wenn Stille greifbar wird...

Sicher hat jeder von uns schon einmal eine Situation erlebt, in der die Zeit plötzlich langsamer vergeht. In der uns eine Erinnerung so machtvoll überfällt, dass Stille greifbar wird und allen Raum einnimmt. Mir ist es kürzlich so ergangen. Ich fand ein Foto meiner Mutter. Vergilbt und abgegriffen.

Ich habe meine Mutter in Erinnerung als eine Frau, die nur für ihre Familie lebte. Sie hatte ihr eigenes Leben hintangestellt, um ihrer Familie das Leben so schön wie möglich zu machen. Heute erst begreife ich, welche Lebensentscheidung sie dadurch für sich getroffen hatte. Nicht ihr eigenes spirituelles Wachstum war vorrangig, sondern das der anderen. Deren Wohlergehen war ihr Lebensinhalt. Sie musste sich ihr Leben lang nach der Decke strecken, hatte gelernt, dass der Mann das Sagen hatte, und das alte Glaubensmuster ungefragt zu übernehmen sind. Weil man das schon immer so gemacht hat.

Ich bin in eine Zeit hineingeboren worden, in der es Fernsehen erst im Erwachsenenalter gab und das Telefon einen Viertelanschluss mit Kurbel und Voranmeldung hatte. Doch ich konnte mein Leben nach meinen Vorstellungen leben, ohne dass deswegen die Familie zu kurz kam. Und ich durfte meine Gefühle ausdrücken, ohne dafür gemaßregelt zu werden.

Ich hätte es meiner Mutter auch vergönnt, ein Leben führen zu dürfen, wie ich es in diesem Alter tun kann. Ich hätte ihr noch so gerne die Welt zu Füßen gelegt, die sie nur vom Hörensagen kannte. Ich wünschte, ich hätte ihr viel öfter gesagt, wie dankbar und stolz ich bin, sie zur Mutter zu haben.

Ich wünschte, ich hätte ihr noch viel öfters gesagt, wie sehr ich sie liebe. Ich wünschte, ich könnte ihr noch sagen, wie unbegründet ihre Sorgen um meine Zukunft waren, und wie dankbar ich ihr bin: Dafür, dass sie mir Vorbild war für Mitgefühl, für Liebe, für Respekt und Akzeptanz allem und jeden gegenüber, ohne Ansehen der Person.

In der Erkenntnis, die sich mir in diesem Moment der Stille auftat, habe ich erfahren, welche Größe das Muttersein beinhaltet. Auch wenn man selber inzwischen Mutter und Großmutter geworden ist. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und viele Mütter inzwischen berufstätig sind - sie sind es noch immer, die sich in erster Linie um die Kinder kümmern. Die morgens die Brote schmieren, abends die Gutenachtgeschichte vorlesen, die pflegen, ermutigen, antreiben, trösten.

Vor allem dann, wenn man jedem seiner Kinder die Liebe und Zuwendung geben kann, die sie brauchen. Mütter können nicht anders. Mutter bleibt Mutter. Und Kind bleibt Kind. Da kann es noch so alt sein. Es ist eine ganz besondere Beziehung, keine, die immer gleich gut verläuft und ohne Streit auskommt. Aber eine - die hält. Ein Leben lang und darüber hinaus.

Denn Mütter leben für immer in den Herzen ihrer Kinder, und nicht nur in deren Erinnerung.

© Heidrun Siebenhofer