Haben Sie schon gehört?

Die mächtige Linde am Marktplatz war ein beliebter Treffpunkt für die Frauen, um Neuigkeiten auszutauschen.

Ich traf dort auf Frau Kucera, eine etwas stämmige, stets unfrisierte Hausfrau, die gestenreich auf die Pfarrersköchin einredete. Dem Gesichtsausdruck von Resi, einer Bekannten von mir, entnahm ich, dass sie soeben etwas Unglaubliches gehört haben dürfte. Auf meinen fragenden Blick hin wurde ich aufgeklärt: „Ich habe Frau Grauschleier erzählt, was ich beim Bäcker gehört habe. Sie werden es nicht glauben ...jedenfalls ist es mir so ergangen ...“, Frau Kucera atmete tief ein und nickte bedeutungsschwer dazu,

„Was haben Sie denn gehört?“ fragte ich neugierig.

„Zwei junge Frauen vom neuen Gemeindebau, haben über den Herrn Trattner gesprochen. Stellen Sie sich vor, die beiden gingen in ihren Trainingsanzügen einkaufen ...“ Frau Kucera schüttelte den Kopf. „Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben.“

Ich unterbrach ihren Redefluss. „Was ist mit Herrn Trattner?“

Resi mischte sich ins Gespräch. „Herr Trattner hat seine Frau geschlagen!“

„Nein!“

„Wenn Frau Kucera es aber von den beiden Frauen im Bäckerladen gehört hat!“

Ich schaute entgeistert. Beide Frauen kannten den Mann nicht persönlich, nur so vom Sehen, was sie jedoch nicht daran hinderte, ihre Meinung über ihn zu äußern. „Na ja, brutal sieht der schon aus. Wenn ein Mann ein fliehendes Kinn und einen Backenbart hart... wundert mich überhaupt nichts!“

Resi öffnete ihren Mund zu einem lautlosen Schrei. Auf meinen entsetzten Blick hin deckte sie ihn mit der Hand ab und sprach danach mit den Augen.

„Wie gesagt“, betonte Frau Kucera, „ was ich gehört habe reicht, um sich ein genaues Bild machen zu können, oder?“

Zustimmendes Nicken.

Ich dachte mir: Das durfte nicht wahr sein. So eine nette Frau, die Frau Trattner. Immer gepflegt und gut gelaunt. Sportlich und zu jedermann freundlich und entgegenkommend. Und dann so etwas! Furchtbar!

Wir steckten die Köpfe zusammen und ließen uns über die Schlechtigkeiten der Welt im allgemeinen aus, als Frau Kucera plötzlich aufgeregt auf zwei Frauen deutete, die in angeregtem Gespräch und mit vollen Einkaufstaschen an uns vorbeispazierten.

„Das sind sie“, sagte sie zappelig und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie. „Die beiden, von denen ich gehört habe, dass Herr Trattner seine Frau geschlagen hat.“

Ich drehte mich nach ihnen um und meinte entschlossen: „Das will ich jetzt ganz genau wissen!“

Energischen Schrittes ging ich zu den beiden Frauen im Trainingsanzug hin und sagte: „Entschuldigen Sie, aber wie war das genau mit Herrn Trattner. Ich habe gehört, er hat seine Frau geschlagen?“

Die beiden schauten sich schmunzelnd an und die Größere von ihnen stellte fest: „Das hat sich ja schnell herumgesprochen. Aber wir im Klub haben uns mit ihm gefreut. Wurde ja auch Zeit nach den vielen Trainerstunden, die er genommen hat. Da musste er ja mal ein guter Tennisspieler werden ...“

© Heidrun Siebenhofer