Horst

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Horst | story.one

Mein jüngster Bruder Horst war schon als Kind ein mutiges Temperamentbündel sondergleichen, welches sich vor nichts und niemandem fürchtete. Sogar Drohungen, er müsse seine Missetaten im dunklen Keller verbüßen, ließen ihn kalt. Am Nikolaustag besuchte uns sechs Geschwister ein großer, prächtiger Weihnachtsmann, dem ein furchterregender Krampus folgte. Da auch ich einiges auf dem Kerbholz hatte, schnappte mich der Krampus und wollte mich aus der Wohnung schleppen. Da sprang ihn Horst wie ein wildes Tier an, um mich aus den Klauen des Teufels zu befreien. Der im Krampuskostüm steckende Onkel war daraufhin so erschrocken, dass er mich auf der Stelle losließ.

Eines Tages fuhr unsere Mutter mit uns drei Buben vom Semmering zu ihrer in Spitz an der Donau lebenden Schwester. Bei einem Spaziergang durch den prächtigen, dunklen Herbstwald kamen wir an einer Hütte vorbei, aus der ganz eigenartige Geräusche kamen. Mutig näherte sich Horst der düsteren, umzäunten Bude. Plötzlich steckte ein grässlich aussehender Ziegenbock seinen Kopf durch den Holzzaun und gab ein durchdringendes Meckern von sich, worauf sich Horst kreidebleich und zitternd in die Arme der Mutter mit den Worten: "Mutti, ich mir fürchten", flüchtete. Seit dieser Zeit genügte das Wort: "sei brav, sonst kommt der Ziegenbock" um den kleinen Bruder lammfromm zu machen.

Nach unserer Evakuierung aus dem Kampfgebieten des Semmerings, wurde unsere Familie in Ermangelung anderer Möglichkeiten in Obertraun in einer Baracke an der Traun untergebracht. Die Behausung stand unmittelbar neben einem ungefähr fünfzehn Meter hohen, steil zur Traun abfallenden Felsblock, der von der Bevölkerung "Fuchsstein" genannt wurde. Das Plateau des Felsen konnte man mühelos erreichen. Da unsere Mutter die Gefahr bei erklettern des Felsens sofort erkannt hatte, legte sie uns ein absolutes Verbot zum Besteigen des Steines auf.

Eines Tages bemerkte ich zu meinem Schrecken, wie der kleine Horst den Felsen erklomm. Ich raste nach oben, doch er hatte das Plateau bereits erreicht. Ehe ich ihn fassen konnte, stolperte er über ein Wurzel und flog kopfüber vom Felsen. Zitternd vor Aufregung näherte ich mich dem Abgrund und fand meinen Bruder einen Meter unter mir im einzigen Strauch, der aus der steilen Wand ragte, hängen, so dass ich ihn, mich hinunterbeugend, zu mir heraufziehen konnte....

Trotz dem Verbot meiner Mutter erklomm ich des Öfteren den Fuchsstein und entdeckte auch eine kaminartige kleine Schlucht, aus der ich mit einer primitiven Angelschnur dicke Forellen heraufzog, die ich dann mit meinen Freunden heimlich über einem Lagerfeuer genießbar machte.

Heute ist die Fuchssteinhütte längst abgerissen worden, der Fuchsstein steht aber nach wie vor stolz an der Traun....

Prof. Siegried Koller hielt meinen kleinen Bruder sehr aussagekräftig in einem Portrait fest.

© Helmut Wigelbeyer 29.08.2019