Da raste mein Herz!

Ich bin gerade im Teenageralter und sitze mit Freunden bei uns zu Hause zusammen. Wir unterhalten uns über dies und jenes. Plötzlich höre ich ein sehr befremdendes Flugzeuggeräusch. Ich sehe beim Fenster hinaus. In dem Moment fliegt ein Passagierflugzeug in relativ geringer Höhe vorbei. Noch bevor auch meine Freunde beim Fenster sind, ist es schon hinter den Nachbarhäusern verschwunden. Was der Pilot wohl vor hatte? Bei uns gibt es doch nur einen kleinen Privatflugplatz. Da hören wir erneut dieses Flugzeuggeräusch. Wir laufen diesmal sofort in den Garten um das Flugzeug am Himmel leichter ausmachen zu können. "Da ist es!", ruft einer meiner Freunde. Tatsächlich. Es hat scheinbar eine Schleife gezogen und fliegt jetzt noch niedriger als vorhin. Die Flughöhe dürfte nur noch 200m über den Boden betragen. Es fliegt gegen den Uhrzeigersinn einen großen Kreis. Wir stehen fast im Mittelpunkt der Flugbahn. Plötzlich tritt Rauch aus den Düsentriebwerken. Das Flugzeug verliert weiter an Höhe. "Oh Gott, der will Notlanden!" ruft ein anderer Freund. In diesem Moment macht es eine steile Linkskurve und fliegt fast direkt auf unser Haus zu. Panik! Wir suchen Schutz auf der anderen Hausseite. Wir blicken alle nach oben und sehen den riesigen Rumpf von unten in etwa 50m Höhe über unser Haus und die anderen Siedlungshäuser hinwegrasen. Hinter einem mit hohen Bäumen gesäumten Windgürtel endet der Flug mit einem lauten kreischenden Geräusch. Dann ist es still! Keine Explosion und keine Stichflammen, wie man es sonst aus Filmen von Flugzeugabstürzen kennt. Nur Stille! Totenstille! Die zwischenzeitlich auf die Straße getreten Leute machen sich eilends auf den Weg, um die Katastrophe zu sehen und vielleicht zu helfen. Ich zögere, doch dann treibt auch mich meine Neugier an.

Ich laufe. Mich plagt der Gedanke was mich dort erwartet. Ich habe Angst... ich laufe aber weiter... ich schwitze... es läuft mir kalter Schauer über den Rücken... die Angst vor Schrecklichem wird immer größer... meine Kleidung ist klatschnass... da reiße ich meine Augen weit auf... schließe sie nochmal... ich bin bald am Unfallort... ich reiße die Augen nochmal auf... meine Haare sind triefend nass... mein Polster auch... mein Herz rast wie wild... ich mache meine Augen nicht mehr zu... da erkenne ich im dunkeln plötzlich mein Zimmer... Es war nur ein Traum! Gott sei Dank!

Dieser Traum, so oder nur leicht abgewandelt, plagte mich im Teenageralter einige Male. Traumforscher hätten sicher die Ursache bis ins letzte Detail ergründet und eine Analyse parat. Mir aber war es egal. Ich war nur jedes Mal überglücklich, dass es immer nur ein Traum war!

Seitdem sind viele Millionen Passagierflugzeuge wohlbehalten gestartet und gelandet. Etliche Male war auch ich mit an Bord eines solchen Blechungeheuers und fühlte mich dabei niemals unsicher. Ich liebe es sogar, wenn mich die Beschleunigungskraft beim Abheben extrem in den Sitz presst. Welch ein Wunder der Technik!

© Herbert Schieber